25.02.2022

Briefe



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ID: 14258
Geschrieben am: Mittwoch 26.01.1887
 

Frankfurt a/M, den 26ten Jan. 87.
Meine lieben Volklands Beide!
Was dachten Sie wohl von mir, daß ich Ihre lieben Wünsche nicht sofort erwiedert habe, es war aber gewiß nicht Undankbarkeit, sondern wirklich das Überbürdetsein von vieler Arbeit, besonders drängte sich noch Anfangs Januar die Arbeit für Härtels und noch immer bin ich nicht ganz fertig. So gern wollte ich Ihnen auch eigenhändig schreiben, es fließt einem so ganz anders mit der Feder in der Hand, |2| und besonders wenn man an liebe Freunde schreibt; nun hab’ ich aber in nächster Zeit hier im Museum zu spielen und da darf ich meinen Arm mit nichts anstrengen. Nun Sie wissen ja alles, wie es bei uns geht, und haben Nachsicht. – Es versteht sich wohl von selbst, daß ich Ihre Wünsche von Herzen erwidere und gewiß nicht weniger als Sie wünsche, daß der nächste Sommer uns endlich einmal zusammenführe! –
Mit <i>Ihren Programmen stimmen Sie mich immer ganz sehnsüchtig! es ist doch herrlich wie Sie in Basel musiziren.
|3| Daß die Fillu so schön gesungen, freut mich herzlich. Die Hildachs hörten wir neulich hier auch, ich fand sie aber sehr prosaisch, was besonders bei dem Requiem von Brahms sehr störend war, wo die Stimme so förmlich über dem Chore wie in den Wolken schweben muß!
Sie haben wohl gelesen, welche Ehre Brahms zu Theil geworden; es freut mich für ihn und unseren Kaiser! da ist doch einmal das Rechte geschehn. In Bezug auf das, was <Ihr> Sie, lieber Volkland mir über die 4te Symphonie schreiben, kann ich Ihnen nicht ganz recht geben, wenn Sie sagen, Sie be-|4|greifen die vielen schiefen Urtheile nicht; Ich begreife sie wohl, was den letzten Satz betrifft. Wüßte der Zuhörer von Anfang an, daß es sich hier um Variat. über ein 8taktiges Thema handelt, so würde er gleich wissen woran er ist; wer es aber zum ersten male hört, ist schon beinahe mittendrin ehe er merkt, worum es sich handelt. Ich bin auch entzückt, gerade auch über diesen letzten Satz, den ich ganz enorm großartig finde.
Nun muß ich aber schließen. Daß Ihnen der Schrank willkommen war, freute mich sehr zu hören, wenn er nur auch wirklich recht zweckmäßig ist!
Wir erwarten nächste Woche Vonder Muhll’s, von denen wir über Sie zu hören hoffen. Leben Sie Beide wohl und bleiben Sie gut Ihrer alten getreuen
Clara Schumann




  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Volkland, Alfred und Henriette (3062)
  Empfangsort: Basel
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
537ff.

  Standort/Quelle:*) D-F, s: Autogr. K. Schumann, Nr. 171
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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