25.02.2022

Briefe



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ID: 7855
Geschrieben am: Donnerstag 01.01.1885
 

Frankfurt, den 1. Januar 1885.
Meine lieben Freunde!
Verspätet kommen meine Neujahrswünsche! All die Tage dachte ich daran, Ihnen diese zu senden, aber es war gar zu viel gerade in dieser letzten Zeit; dazu kommt noch, wie Sie sehen, daß ich nicht eigenhändig schreiben kann. – Da sind einem dann die Hände doppelt gebunden. Haben Sie herzlichsten Dank für den lieben Brief heute Morgen, der mich so innig erfreut hat. Leider schleppt sich mein Leiden, wie es scheint, in das neue Jahr hinein, und wer weiß, wie lange es noch dauert! Zuweilen bin ich stundenlang freier, dann hoffe ich, werde aber meist wieder zurückgeworfen, woran das wechselnde Winterwetter wohl auch seinen Theil haben mag. Könnte ich in Basel sein, und All das Schöne hören, was Sie jetzt vorhaben! Hier sieht es flau aus. Ich höre |2| fast nichts, spielen kann ich keinen Ton, und mußte, wie in Leipzig und Berlin, auch hier absagen. Was ich entbehre, brauche ich Ihnen wohl kaum zu sagen, ich weiß, Sie beide fühlen es mit mir. Auch ich muß sagen, wie Sie, liebe Frau Volkland, daß es ein Glück ist mit der Jugend zu verkehren, was wir denn dieses Jahr [sic] ganz besonders empfunden. Die Kinder meiner Elise sind ein gar lustiges Völkchen, und am zweiten Weihnachtsfeiertag, wo wir die Schülerinnen, die hier waren, bei uns hatten, war es auch ganz lustig. Die arme Marie, die ihr Nervenleiden im Bein ganz beseitigt glaubte, bekam es ein paar Tage vor Weihnachten auch wieder, und bringt alle Nächte in Schmerzen zu. Mein Enkelchen hat sich ganz gut bei uns eingelebt, Ihr [sic] Vater aber ist sehr elend, und bewährt sich wie Recht ich hatte, als ich im Herbst in ihn drang, erst im Süden noch einen Winter zu verbringen, ehe er wieder in’s Geschäft ging. |3| Sie sehen, wie schwere Zeit jetzt auf uns liegt. Fillu wird Ihnen, wenn <>sie kommt mehr erzählen, und bringt auch für den lieben Helfes-Helfer wieder Einiges mit. Ich werde der Sendung auch einige <>Werke aus der instruktiven Ausgabe beilegen, und bitte ihn dieselben einmal durchzusehen, ob er vielleicht noch Fehler findet. Leider haben Härtel’s für diese Ausgabe neue Platten stechen lassen, natürlich mit noch sparsamerem Drucke, und vielen neuen Fehlern. – Es ist zum Verzweifeln.
Nun leben Sie wohl! Mögen Ihnen die bevorstehenden musikalischen Freuden durch nichts getrübt werden, Sie beide recht gesund und frisch sein, und meiner zuweilen freundlich gedenken, die ich bin
Ihre
alte, getreue
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Volkland, Alfred und Henriette (3062)
  Empfangsort: Basel
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
465ff.

  Standort/Quelle:*) D-F, s: Autogr. K. Schumann, Nr. 138
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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