19.12.2019

Briefe



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ID: 18059 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 25.04.1895
 

Düsseldorf d. 25t April 1895.
Meine geliebte Clara!
Die Wochen u Tage fliegen so im „Nu“ dahin, u immer ist die Zeit zu knapp zu dem was man gern vollbringen möchte! – Und so sind die Tage mit meinen Kieler Kindern auch nur zu schnell vergangen – aber die schöne Erinnerung daran bleibt u der Dank, besonders unsre Helene wieder so wohl u thatkräftig zu sehen! – Sie waren grade eine Woche hier von Char-Freitag bis vorigen Freitag, u da das Wetter mit Ostern schön wurde, konnten Beide doch oft ausgehen, u Freunde besuchen, auch Manches Schöne beschauen – also sich con amore bewegen u ruhen, was Beiden zu gönnen war! – Viel u oft bedauerten wir vereint die lieben Schumann’s nicht hier zu haben; – aber in der Hoffnung, daß Sie mit Eugenie auch ein glückliches Osterfest feierten, sandten wir viele
herzliche stille Grüße in’s liebe Schumann-Haus gen Frankfurt! – Und so Gott will können Sie zu Pfingsten die Fahrt hierher behaglich machen u wir genießen ein ungestörtes Wiedersehen! – Wie sich unsre liebe Frl. L. darauf freut können Sie kaum denken; vorgestern Abend blieb ich länger dort u freute mich wie wohl sie aussah u wie gut es ihr thut nun täglich in die Luft zu gehen u sich mehr zu bewegen – Aber freilich das Gehör nimmt mehr ab, u man muß ihr nah u deutlich sprechen! – Da giebt es denn oft zu trösten; denn natürlich empfindet Frl. L. dieses 2t Unglück nur zu schmerzlich u deutlich. – Sie thut mir immer so von Herzen leid. – Meine unglückliche Nichte Schadow6 bleibt noch elend durch Schlaflosigkeit u tiefe Melancholie, muß also ganz in ernster Kur bleiben! Eben waren ihre 2 netten Jungen bei mir, deren Schule heut anfing u die 3 Wochen in Strassburg bei Onkel u Tante waren: Prof. Kaibel, sie eine geb. Schadow – Er Kaibel gehört zu den großen Brahms-Verehrern. Hier sind die Knaben vorläufig in sehr lieber Pension bei Familie Bene, mir nahe wohnend! Der ganze Haushalt ist aufgelöst u die meisten Sachen konnte ich im untren Atelier aufnehmen! Das ist eine Tragödie, wie sie, durch Vielerlei was noch an Traurigem dazu kommt, für mich u theilweise für die Meinen, sehr ernst u schwer ist. Doch das Gute das ich an Kindern u Enkeln habe, stärkt u hebt wieder über das Traurige! Und Gottlob geht es bei Allen gut. – Möchte es bei Ihren Lieben überall auch so sein, u Sie selbst sich leidlich fühlen theuerste Clara! Ihr letzter Brief war so schön u kräftig geschrieben, daß ich ihn noch an Felix zeigte, u nun zum Schluß auch noch allerherzlichst dafür danke! – Wie ich die herrlichen wöchentlichen Briefe meiner alten Schwägerin vermisse, begreifen Sie!
Ade, ade – es kommen viele Störungen! Innigste Grüße von Ihrer treuen
L. Bendemann

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 514ff.
 



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