19.12.2019

Briefe



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ID: 13809 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 04.07.1895
 

Interlaken d. 4. 7. 95. Dr. Aemmer Lindengarten.
Meine liebe Lyda,
Ich hätte längst auf Ihren lieben Brief vom 7t Juni geantwortet und Ihnen einen Gruß nach Kiel geschickt, hätte ich den genauen Titel Ihres lieben Felix gewußt. Ich bin in der Marine ja so wenig bekannt, hätte vielleicht Geh. Rath statt Admiral geschrieben, und mich gründlich blamirt!
Leider hörte ich von Rosalie, daß Sie sehr erkältet gewesen sind, es Ihnen aber jetzt besser geht. Das haben Sie sich gewiß bei den Festlichkeiten geholt. Gott sei Dank daß Ihnen jetzt wieder gut geht,[entschuldigen Sie die Wiederholung wir wurden hier unterbrochen.] und Sie, wie ich höre mit der lieben Wine zurückreisen können. Wie sehr kann ich mit ihr das Schwere dieser Reise empfinden, wie hart der Abschied von dem einzigen Sohn auf Jahre! Sagen Sie ihr von meiner herzlichsten Theilnahme.
Von Ihnen höre ich wohl mal, wie Sie die Zeit in Kiel verlebt haben? Leider ist ja eben wieder ein Unglück auf einem Torpedo Schiff dort passirt! Da war Ihr Sohn8 gewiß wieder recht erregt. Wir sind nun hier wieder häuslich eingerichtet, haben ein hübsches Logis und leben abwechselnd auf 2 Balconen. Die Luft ist herrlich hier, gelitten haben wir auch nicht von der Hitze, heut ist es sogar sehr kühl – Wind giebt es aber viel! augenblicklich ist meine Schwester Cäcilie unser lieber Gast und zugleich meine Secretairin, wenn mein Arm besonders müde ist. Leider wird dieser wohl nie wieder ganz frei von Schmerzen werden. Von traurigeren Folgen, als dieses, ist der accident vom vorigen Jahr in so fern, als ich keinen Schritt ohne Furcht aus dem Hause thue, jedes Pferd und jedes Velociped erschreckt mich, und gefahren bin ich noch gar nicht. Das ist schlimm und verbittert mir sehr den Aufenthalt. Ich höre Sie liebste Lida, jetzt im Geiste, wie Sie mir zureden, ach, aber, gegen die aufgeregten Nerven läßt sich so wenig thun – vielleicht wird es mit der Zeit besser. –
Eugenie erwarten wir gegen Ende des Monats, später im August haben sich Steinmetzen’s angemeldet, was mich recht freut.
So verläuft die Zeit hier doch nicht so ganz monoton, freilich 3 Monate ist auch Langezeit. Wahrscheinlich bekomme ich von nächster Woche ab eine Schülerin, Engländerin, die gern einige Wochen hier bei mir studieren will. – Felix kommt am 1ten Aug. nach Zürich in die Lehre, genießt hier noch recht seine Freiheit. Dem Ferdinand wird das Alleinsein später schwer fallen. – Marie schafft wie Sie sie kennen! –
Nun 1000 Grüße, auch all Ihren Lieben, und ein treues Umarmen Ihrer alten
Clara.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Interlaken Lindengarten, bei Dr. Aemmer
  Empfänger: Bendemann, Lida (176)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 523ff.
 



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