19.12.2019

Briefe



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ID: 18657 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 26.07.1895
 

Liebe verehrte Frau Schumann!

Danke herzlichst für Ihre gütige Nachfrage: ja, seit 10 Tagen sind wir endlich hier angelangt. Mein Auge bedarf noch immer einiger Schonung, ist aber innerlich und äusserlich gesund. Leider muss ich mir aber heftiges Notenschreiben noch etwas versagen, vegetire daher blos wie ein ganz unnützer Mensch. Von Frau Spitta, die mit ihrer Tochter zu uns kommen sollte erhielten wir die Nachricht, dass sie in Borkum für den Sommer ihr Quartier aufgeschlagen haben; Lisbeth’s Gesundheit ist leider recht besorgnisserregend; uns ist’s ein wahrer Herzenskummer zu sehen, wie Nichts mehr im Stande ist, sie wieder in die Höhe zu bringen! Wir werden diesen Sommer also recht allein sein. Adolf Hildebrand mit Frau und ältester Tochter waren eben auf 1 1/2 Tage hier, was ein herrliches Fest für uns war! Sie versuchen einen kurzen Aufenthalt in Klosters, da sie alle Drei unter der weichen und feuchten Luft Starenbergs leiden. Der herrliche Brunnen wurde am 12. Juni in München eingeweiht; für Adolf ein grosser bedeutungsvoller Moment. Mir scheint, als ob sie nun doch nicht nach Florenz als Hauptquartier zurückgehen würden, sondern eher in München sich niederzulassen versuchen werden. Seine ganze umfangreiche Thätigkeit liegt in Deutschland; die halbjährigen Trennungen von der Familie haben keinen Sinn mehr. Traurig dass der arme liebe Conrad Fiedler dies nicht mehr erleben durfte! Die Einzelheiten über seinen schrecklichen Tod haben bei mir Alles wieder aufgewühlt, was ich bei der ersten Nachricht empfand; Mary F. bleibt in München; augenblicklich ist sie in Crostewitz. Ich glaube, ihre tüchtige Natur wird sich in einer kräftigen u schönen Weise aufraffen; mit dem „ornamental life“ ist’s vorüber! Gar hübsch wäre es wenn es nun diesjahr möglich würde, die bekannte Tour nach Interlaken zu unternehmen; mein Herz schreibt sie mir vor – der Finanzminister hat sich aber noch nicht darüber in bindender Weise äussern können. Wahrscheinlich besucht mich Wach auf der Ferienreise Anfang August. Volklands gehen nach Tarasp und gönnen uns einen Besuch vor oder nachher.
Hoffentlich geht es Ihnen gut; Sie sagen gar nichts darüber, ist das ein gutes Zeichen?
Die besten Grüsse Ihren Töchtern von uns Beiden; wie schön, dass Sie wieder beisammen sind!
In herzlichster Verehrung
Ihr getreuer
Herzogenberg

Heiden 26. Juli 95

  Absender: Herzogenberg, Heinrich Freiherr von (692)
  Absendeort: Heiden
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
820f.
 



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