15.07.2019

Briefe



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ID: 18992 Brieftext


Geschrieben am: 23.12.1895
 

Berlin, N.W. Dorotheenstr. 6. pt.
23/12. 95.
Hochverehrte Frau!
Wir senden Ihnen hiermit unsere herzlichsten Wünsche für ein gutes, gesundes, frohes Fest! – Und danken Ihnen für Ihre warmen treuen Zeilen, die uns sehr wohl gethan haben. Menschen wie Sie, verstehen uns! – – Verstehen, wie wir uns gefunden haben u. wie wir aneinanderhalten. – Welch ein Glück, dass wir nun vereinigt sind, nun, da es Gott bestimmt hat über Lazarus eine so sehr, sehr schwere Prüfung zu senden. Sie haben wol indessen aus den Zeitungen erfahren, dass er Ende October (am 26.) gefallen ist, und sich den rechten Arm ausgerenkt hatte. – Die Ausrenkung war eine so vollständige, so ungewöhnlich schwere, dass der Chirurg Israel der Assistenzärzte bedurfte, um, nach geschehener Chloroformirung, die Einrenkung zu ermöglichen; sie gelang, aber – wol in Folge der ausgestandenen Schmerzen (er musste fast 12 Stunden hilflos liegen!) trat eine Nervenlähmung des Armes und der Hand hinzu und – nachdem nach c. 3 Wochen der quälende Gipsverband abgenommen werden konnte, trat ein solcher Zustand der Bewegungslosigkeit u. Schmerzhaftigkeit, u. s. w., ein, dass bis auf den heutigen Tag (und wol noch für Monate) ein ungemein complicirtes Heilverfahren angewendet werden muss. Schon von früh 7 Uhr an beginnt die feste Tagesordnung die der Heilung u. Kräftigung bestimmt ist. Vormittags kommt der Masseur, Nachm. wird electrisirt Abends balsamirt, – und mein heissgeliebter Mann erträgt Alles mit bewundernswerther Geduld. – Es ist geradezu rührend und oft tiefergreifend wie sanft, lieb und immer gütig er alle Schmerzen u. Quälereien auf sich nimmt. Und kaum ist er ein wenig freier, scherzt er u. sucht mich zu erheitern, und wir treiben unsere Spässe, als schiene uns die allerschönste lustigste Sonne! – Es ist ein wahrer edler grosser Mensch und liebe ich ihn in seinen Leiden noch viel mehr, tiefer u. inniger als je zuvor. Ich habe auch desshalb mit diesen Zeilen an Sie gewartet, um Ihnen ein Erfreuliches mitteilen zu können: nun endlich – nach 2 Monaten!! – beginnt die Bewegungslosigkeit und übergrosse Schmerzhaftigkeit des Armes zu weichen, auch die Hand vermag mit Noth u. Mühe zwar, aber doch leserlich und in den lieben bekannten Schriftzügen, einige Worte zu malen. – Dennoch ist gerade sie es, der jetzt der eigentlich leidende Theil ist: oft rückfällig in abnormer Anschwellung u. Schwäche mit Schmerzen verbunden. Nun – es ist uns eben auferlegt, zu warten und zu leiden, und wir sind voller u. zwar voller freudiger u. freudebringender Ergebung, – da wir zusammen tragen u. ertragen. –
Können Sie sich denken, verehrte Frau, dass mein Mann bei Alledem seine Universitätsvorlesungen gehalten hat? – Von mir, die ihn nicht aus den Augen liess, begleitet, und den Arm in der Binde, hat er vierzehn Vorlesungen mit grosser geistiger u. körperl. Anspannung, aber doch mit gutem Gelingen gehalten; zum Glück, können wir wol sagen, denn diese Bethätigung [sic] seiner Leistungsfähigkeit hat doch auf seine Stimmung und dadurch auf sein Gesammtbefinden guten Einfluss gehabt. – Der Arzt kommt natürlich immer noch täglich. So müssen wir das Beste hoffen, – wenn es auch viell. erst im Frühling kommt, – der uns, so Gott will! dem geliebten Schönefeld wiedergeben soll.
Leben Sie bestens wohl, verehrte Frau! Empfangen Sie die innigsten Grüsse von uns beiden nebst besten Wünschen für völlige Genesung Ihrer Tochter. Dass Ihre zweite Tochter auch das Fest bei Ihnen verlebt, ist gewiss die schönste Weihnachtsfreude. Wir gedenken Ihrer und Ihrer Lieben in treuer Freundschaft! Nahida Ruth Lazarus

  Absender: Lazarus, Nahida Ruth (917)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.18, S. 360ff.
 



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