15.07.2019

Briefe



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ID: 23085 Brieftext


Geschrieben am: 07.07.1896
 

Den 7. Juli 1896.

Liebes Frl. Marie,

allerdings dachte ich bei dem, was sie in Verlegenheit setzen könnte vor allem an Tagebücher, Briefe und dergleichen.

Leider weiß ich einstweilen nur das eine Wort: Vorsicht! Zunächst sorgen Sie für alle Fälle (oder den einen Fall) dafür, daß diese Sachen aus Ihrem Eigentum mit allen Rechten in das der zweitältesten Tochter, also Elise, übergehen. Dann bitte ich, geben Sie niemandem und nichts aus der Hand, ohne vorher mit mir oder einem andern Freund, dem Sie wirklich ernstlich trauen können, sich beraten zu haben. Ich kann gelegentlich, dies angehend, weiteres sagen, jedenfalls aber bin ich jederzeit bereit, nach Frankfurt zu kommen, wenn Sie irgendetwas zu fragen und zu wünschen hätten.

Ich kann mich an den Gedanken nicht gewöhnen, daß Sie Ihr Haus verlassen und verkaufen. Doch erbitte ich keine Auskunft deshalb, denn ich kann mir denken, wie eingehend Sie das überlegt haben. Da Sie es indes noch haben, so versuchen Sie doch, recht frei und flott in der Angelegenheit zu denken. Sie finden gewiß eine gute Partei für einen Teil des Hauses, und wenn Sie auch teurer wohnen als gerade nötig, was haben Sie für Annehmlichkeiten! Der Umzug dagegen, und bei wahrscheinlichem Wechsel (!) der doppelte - wieviel Mühe und Kosten macht das.

Nun noch eins. Wenn Ihnen nächstens ein Heft "ernsthafte Gesänge" zukommt, so mißverstehen Sie die Sendung nicht. Abgesehen von der alten lieben Gewohnheit, in solchem Fall ihren Namen zuerst zu schreiben, gehen die Gesänge Sie auch ganz eigentlich an.

Ich schrieb Sie in der ersten Maiwoche; ähnliche Worte beschäftigten mich oft, schlimmere Nachrichten von Ihrer Mutter meinte ich nicht erwarten zu müssen - aber tief innen im Menschen spricht und treibt oft etwas, uns fast unbewußt, und das mag wohl bisweilen als Gedicht oder Musik ertönen. Durchspielen können Sie die Gesänge nicht, weil die Worte Ihnen jetzt zu ergreifend wären. Aber ich bitte, sie als ganz eigentliches Totenopfer für Ihre geliebte Mutter anzusehen und hinzulegen.

Für Ihr so freundliches Erbieten, mir ein Andenken zu überlassen, habe ich herzlichst zu danken - aber nichts zu wünschen.

Irgendein äußeres Zeichen der Erinnerung verlangt und wünscht wohl der Mensch, mir würde das kleinste genügen - aber ich besitze die schönsten!
Seien Sie alle recht von Herzen gegrüßt.

Ihr ganz ergebener

J. Brahms.

  Absender: Brahms, Johannes (246)
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  Absender Ort:
  Empfänger: Schumann, Marie (1449)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:

  Druckort 1: CS JB II, S. 622 - 623, Nr. 759
 



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