25.02.2022

Briefe



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ID: 23094
Geschrieben am: Freitag 16.06.1876 bis: 24.06.1876
 

Saßnitz auf Rügen.
Juni 1876.
Liebe –
Clara, Marie und Eugenie,
ich kann nicht drei Briefe zugleich schreiben und traue mir nicht zu, gleich hintereinander zu schreiben, deshalb meine ich, dieser Gruß kann wohl über Berlin3 nach Kiel gehen?
Wir sind hier auch noch gar nicht auf Briefschreiben eingerichtet! Die Post zieht heute in Saßnitz ein! Der Kaufmann kriegt in einigen Tagen Tinte! An der Table d’Hôte sitze ich vor fast 100 Gedecken – ganz allein.
Eigentlich nämlich will ich allen dreien sehr viel sagen und danken, aber hoffentlich haben sie gemerkt, wie schön wohl es mir bei ihnen war, und wie mir gar die ganze Stadt gefallen hat, weil’s eben bei ihnen gar so gut und behaglich war.
Rügen aber ist wirklich sehr, sehr hübsch, abgesehen von dem lieben Plattdeutsch, in dem ich mir endlich einmal wieder eine Güte tun kann. Der herrlichste Wald unmittelbar an der See, Sie würden entzückt sein, wenn Sie darin spazierten. Freilich, das Meer lerne ich hier noch nicht kennen; Rauschen und Wogen – dazu braucht die Ostsee wohl besonders böse Laune. Nun, ich will’s abwarten.
Teuer ist es hier. Haben doch die Leute auch kaum 2 Monate, um sich für alles bezahlen zu lassen, was sie für uns herrichten. Ich wohne sehr schön, die ganze See vor dem Fenster, das Dorf geht nach links hinab, und Kornfelder grad vor besorgen einstweilen das Rauschen und Wogen. Weil’s noch früh ist, bezahle ich einstweilen für 2 Zimmer mit Balkon 5 1/2 Tlr. die Woche, im Allgemeinen wird aber mehr verlangt.
Schade, daß über den Krieg der Akkordlehrer und Kontrapunktisten nichts in die Zeitung kommt! Falls aber Bargiel irgend Ungerades in dieser Sache von mir argwöhnt, möchte ich doch bitten, es mir mitzuteilen. Joachim, Schulze u. a. kennen meine Ansichten oder Meinungen hierin nämlich lange. . . . Frau Joachim geht’s hoffentlich durchaus gut?
Und so bitte ich einstweilen, hier Joachim, dort Groth, hier die kleinen Joachims, dort de lütten Groths usw. zu grüßen.
Nächstens schreibe ich weiter (damit beruhigt man sich immer, wenn man nichts geschrieben hat und viel schreiben wollte). Ich grüße aber recht von Herzen und danke nochmal für die schönen, freundlichen Tage in Berlin.
Ganz Dein und Ihr
J. Brahms

  Absender: Brahms, Johannes (246)
  Absendeort: Sassnitz auf Rügen
  Empfänger: Schumann, Clara geb. Wieck, Clara / Schumann, Marie + Eugenie (4831)
  Empfangsort: Berlin
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 3
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Johannes Brahms und seinen Eltern / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-014-8
1320ff.

  Standort/Quelle:*)
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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