19.12.2019

Briefe



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ID: 10496 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 27.06.1873
 

Baden-Baden d. 27 Juni 1873.

Liebster Joachim,

längst schon wollte ich Ihnen auf Ihre lieben Zeilen wieder schreiben, aber immer kamen mir der Abhaltungen so Viele! heute erzwinge ich mir aber ein Stündchen, denn wie möchte ich wohl fehlen an Ihrem und unser Aller Festtag! tausend gute Wünsche für Sie und all Ihre Lieben, Sie wissen schon, so recht innige aus Freundes-Herzen. Ich weiß in letzter Zeit so gar nichts von Ihnen, nicht ’mal, ob Sie morgen im trauten Kreise Ihrer Lieben das Fest verleben werden? ich hoffe es sehr. Könnten wir uns doch ’mal sprechen, so Vieles hätte ich auf dem Herzen, auch so manches wegen Bonn noch. Das Programm finde ich doch sehr schön, aber, warum haben Sie eigentlich das Requiem von Brahms wieder aufgegeben? ich wußte davon gar nichts, erfuhr es zufällig von Heimsöth. Bitte, sagen Sie mir offen den Grund, denn Heimsöths angegebener, war doch wohl nicht der eigentliche? Sie frugen mich wegen der Lieder für Ihre Frau! ich verstand aber Ihre Aeußerung, daß Sie keine Fragmente möchten, nicht recht; jedes Lied ist doch ein in sich abgeschlossenes Ganze! Lieder sind eben doch nur kürzere Stücke! Frauenliebe und Leben würde mir nicht gefallen gerade bei dieser Gelegenheit, es ist zu ernst, zu lang und doch all den Musikern gar zu bekannt. Ihre Frau singt einige Kürzere z. B. die Hütte, „ach wüßte es doch der König“ ect. so schön! man muß auch bedenken, daß das Publikum an 3 1/2 Tagen nicht mehr so genußfähig ist, wie am Ersten, also nicht zu viel angestrengt werden darf. Vielleicht haben Sie eine Wahl nun schon getroffen? Ich erhielt heute einen höchst verletzten Brief von meiner Schwester Marie, daß ich nicht sie eingeladen die Var. mit mir zu spielen. Finden Sie nun nicht, daß ich gerade bei dieser Gelegenheit es gar nicht konnte? es ist ja kein Familienfest! mir thut dabei nur leid, wenn mein Vater verletzt ist. Andere sind wieder erstaunt, daß ich Hiller nicht darum gebeten; wie konnte ich das aber! Hiller hatte ja sonst keine Betheiligung an dem Feste, konnte ich ihm doch keine zweite Clavierparthie anbieten! das hätte ich ganz unpassend gefunden. Ich habe mich lange auf einen Kunstgenuß nicht so gefreut als auf dieses Fest, nur wird es mir <> getrübt durch den Gedanken, daß nun Brahms ganz unbetheiligt bleibt, der persönlich doch ihm und uns so nahe stand, und nicht weniger künstlerisch. Ich weiß nicht ’mal, ob er dazu nach Bonn kommen wird? wissen Sie etwas darüber? Dann ist mir doch etwas recht unangenehm, ich weiß noch nicht ’mal, wo ich mit meinen Kindern unterkommen werde, und finde das recht eine Vernachlässigung vom Comitee. Es wäre doch so einfach gewesen mir im Stern ein paar anständige Zimmer zu belegen, zwei mit zwei Betten Jedes, und für Felix ein Mansardstübchen. Nachdem die Familie, die mich einladen wollte, sich anders besonnen, mußten die Herren dies thuen. Es setzt auch jeder meiner Bekannten dies voraus. Ich sprach mit Wasielewski, er sagte, er wolle sich nach Logie für uns umsehen, ich habe aber seit 3 Wochen nichts wieder gehört, und ich bin deshalb in großer Unruhe. Wieder an ihn deshalb zu schreiben ist mir sehr unangenehm. Heimendahls haben mich sehr freundlich eingeladen, aber immer das Hin und Herfahren in der Hitze ist mir gar zu anstrengend, und dann müßte ich mich von den Kindern trennen,(da wir doch zu Vier, mit Felix Fünf sind,) was mir sehr ungemüthlich wäre. Ich hörte vor ein paar Tagen, das Fest solle auf die letzten Tage August’s verlegt werden – das wäre gewiß sehr günstig, da kommen die Leute theils zurück aus den Bädern, theils beginnen Viele ihre Reisen Anfang Septbr. und dann ist es auch nicht mehr so heiß. Bitte, geben Sie mir Nachricht hierüber. Levi hat mich gestern überrascht – er grüßt und glückwünscht sehr. Lassen Sie mich bald von sich und den theueren Ihrigen hören – ich sehne mich sehr darnach. Meine Kinder senden auch ihre getreuesten Wünsche. Bleiben Sie mir gut, lieber theuerer Freund!
Ihre
alte
Clara Schumann.

Eben kam Frl. Leser – sie räth mir sehr für mich und eine meiner Töchter bei Heimendahls anzunehmen nun werde ich das wohl thuen.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden-Baden
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
 



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