15.07.2019

Briefe



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ID: 10522 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 28.09.1860
 

Mehlem bei Godesberg
d. 28 Septbr. 1860.
Liebe Julie,
täglich sah ich Ihren letzten Brief, den ich in das Fach der zu beantwortenden Briefe gelegt, und konnte doch nicht dazu kommen Ihnen wenigstens dafür zu danken. Sie müssen es mir nie als Theilnahmlosigkeit auslegen, wenn ich Ihnen nicht schreibe, ich kann es aber mit dem besten Willen nicht – Sie haben keinen Begriff was Alles immer auf mir liegt. Leider hörte ich durch Betty Oser daß Sie Sich die Hand verrenkt hatten, und nicht spielen konnten. Ich hoffe, während ich dies schreibe, ist schon Alles wieder gut. Sie Arme sind recht oft mit solchen Unfällen gequält. Was Sie mir in Ihrem Briefe vom 11 Juni (einen Früheren habe ich nie bekommen, wunderte mich sogar, daß Sie mir nach der Rose Pilgerfarth, nach Stockhausen’s Concerten, kein Wort schrieben) über die Feier am 8ten schrieben, hat mich sehr interessirt, denn ich wußte nichts davon, daß man in Wien des Tages gedenkt. Die Zwickauer Feyer war leider, wie ich höre, nicht so, wie es zu wünschen gewesen wäre. Von den wahren Freunden Robert Schumann’s hielt sich Jeder zurück, der überhaupt nur wußte, wie man mich dazu eingeladen. Nämlich man sagt mir, nachdem man sehr höflich äußert, daß an meinem Kommen unendlich viel gelegen, daß „die Weimarische Schule durch einige Koryphäen vertreten sein würde“. Die liebsten Freunde meines Mannes z. B. Joachim und Brahms ladet man erst ein, nachdem schon Alles arrangirt. Wie anders hätte es werden können, hätten sie sich gleich an mich gewendet, hätte ich auch selbst aus sehr begreiflichen Rücksichten dem Feste nicht beiwohnen können, so hätten doch die Freunde Alles gethan, es zu einem Würdigen zu machen. Doch dies unter uns. Leider werde ich Sie nächsten Winter nicht sehen, da ich den Plan nach Wien zu gehen aufgegeben. Die Stimmung in Wien soll eine so gedrückte sein, daß es wohl kaum rathsam wäre zu kommen. Es thut mir aber unendlich leid, denn mein Herz zieht mich immer nach dem lieben Wien. Ich werde nun wohl im Nov. nach Belgien, im Januar nach Holland und schon Ende März nach London gehen – Marie, die Sie schönstens grüßt, mit mir.
Meine Zeit ist zu Ende mit dem Papier, so seyen Sie denn herzlichst gegrüßt, liebe Julie, von Ihrer
Clara Schumann.

Ihren lieben Eltern schönste Grüße.

Ich schrieb im Frühjahr an Frau Meyerhofer – ob sie wohl meinen Brief erhalten? Sie antwortete mir nicht. Von jetzt an ist meine sichere Adresse immer: Berlin, Schöneberger Ufer, 3ter Stock bei Fräulein Elisabeth Werner.
Wie geht es Hrn. Eckert? das wüßte ich so gern. Sehen Sie Lewinsky, so grüßen Sie Ihn doch.
Wo ist Ihre Schwester? in Brüssel noch?

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Mehlem bei Godesberg
  Empfänger: Asten, Julie von (2015)
  Empfangsort:
  SBE: II.18, S. 42f.
 



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