19.12.2019

Briefe



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ID: 10629 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 12.07.1874
 

Baden d. 12ten Juli 74.

Lieber Joachim,

Sie sehen, ich bin nicht in Zürich, da, erstens, der Arzt mir für die nächsten Wochen völlige Ruhe anempfohlen, übrigens aber in dieser Hitze ich kein Fest mitmachen könnte. Heute möchte ich Ihnen nun besonders danken für Ihren lieben Brief und Ihnen sagen, daß, da die Herren in Bonn mir nicht früher Mittheilung gemacht, ehe ich es in allen Blättern lesen konnte, ich jetzt keinen Anspruch mehr darauf mache. Ich möchte nun Sie aber bitten, da ich es direkt jetzt doch nicht kann, an die Herren zu schreiben, daß ich durchaus nicht darauf bestehe, daß mein Grabstein bleibe, wenn dadurch dem künstlerischen Geschmacke irgend wie ein Nachtheil erstünde. Der Stein war meinen damaligen Verhältnissen entsprechend, jetzt, würde ich ein anderes Denkmal gesetzt haben, nicht etwa auffallend, aber doch etwas mehr künstlerisch. Ich bin sehr erfreut über die Wahl Donndorfs, stimme aber nicht mit den Herren überein was die Ausschmückung betrifft, vielmehr mit dem was Donndorf sagt, etwas symbolischen, das die Characteristik meines Mannes künstlerisch representirt. Wird das Denkmal schön, was ich hoffe, so ist es ja für die Nachwelt gleichgültig, ob ich es gesetzt oder das deutsche Publikum. Wer mich kennt, kann ja denken, daß ich meinem Manne gern das schönste Denkmal gesetzt hätte; die Nachwelt weiß von mir nichts und kümmert sich nicht darum. Übrigens können doch auch nicht zwei Grabsteine auf einem Grabe stehen. Ich will übrigens direkt auch an Donndorf schreiben. Wie leid es mir thut, daß Sie nun nicht mit uns die schöne Tour in die Schweiz machen, können Sie denken; wir hatten uns wahrhaft darauf gefreut. Warum Sie die Schweiz aufgegeben, kann ich übrigens auch nicht recht begreifen, da die Entfernung dieselbe und der Preis für die Wohnung in Aussee auch kein geringerer ist. Ich gebe übrigens den Gedanken nicht auf, auf der Rückreise Sie doch vielleicht dort zu sehen, da ich doch so gern Berchtesgaden kennen lernen möchte. Bitte lassen Sie mich mir gefällt. Wie sehr bedaure ich Sie in der großen Hitze jetzt mit den Prüfungen und dazu dem ungemüthlichen „Home.“ Hoffentlich thut Ihrer Frau die Cur recht gut; grüßen Sie sie herzlich. Meine Adresse für etwaige weitere Denkmalangelegenheit ist: bis 28ten Juli hier, dann Engelberg, Hotel Titlis. Entschuldigen Sie den etwas chaotischen Briefstyl – das Dictiren fällt mir gar so schwer. Von ganzem Herzen Ihnen die Hand drückend.
Ihre
Cl. Schumann.

Die 3 Töchter grüßen schönstens. Sollten Sie entschiedene Gründe für das Verbleiben meines Steines haben etwa, daß mein renonciren falsch aufgefaßt werden könnte?, so sagen Sie mir ein Wort darüber bitte, damit ich keine falschen Schritte thue. Ich will den Brief den ich in meinem Sinne an Donndorf geschrieben, um ihm völlige Freiheit der Erfindung zu lassen, noch bis zum Mittwoch liegen zu lassen – stimmen Sie nicht mit mir überein, denn schicken Sie nur Correspondenzkarte mit „Brief an D. nicht abschicken.“ Höre ich nichts, so gebe ich ihn Mittwoch zur Post.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden-Baden
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
1146ff
 



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