19.12.2019

Briefe



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ID: 11170 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 12.09.1894
 

Interlaken den 12ten Sept. 94.
Lieber verehrter Freund!
Mit traurigem Herzen setze ich mich heute zum Schreiben, was ich leider nicht einmal eigenhändig kann, weil ich mir infolge eines Unfalles Quetschungen am rechten Arm zugezogen habe und denselben nicht gebrauchen kann. So muß ich Ihnen denn durch die Hand meines Enkels diese Zeilen senden, die Ihnen sagen sollen, wie innig ich Ihrer grade an diesem Tage (Ihrem 70ten Geburtstag) gedenke und mir Vieles durch die Seele zieht. Wie mag die teure Verstorbene gehofft haben, diesen Tag mit Ihnen zu erleben; und wie schmerzlich mögen Sie die treueste Freundin vermissen! Freilich wohl jede Stunde am Tag! Mögen Sie vor allem aber den Tag gesund feiern und Sie lange noch den Ihrigen und den Freunden, und der Wissenschaft in Rüstigkeit erhalten bleiben, das ist mein innigster Wunsch!
Wenn ich Ihren lieben letzten Brief nicht beantwortete, so geschah es aus Bescheidenheit, weil ich weiß, wie kostbar Ihnen Ihre Zeit ist. Wir haben hier in unserem Privatlogis eine angenehme Zeit verlebt und, selbst das schlechte Wetter, nicht zu empfindlich gespürt, konnten manchen Sonnenblick auf unserem Balkon erhaschen. Leider traf mich jetzt, im Begriffe Interlaken zu verlassen, der merkwürdige Unfall, daß ich, um einem wilden Pferde auszuweichen, einen Abhang herunterstürzte. Ich kann von Glück sagen, daß mir nichts gebrochen ist. Mein Arm ist aber doch für Wochen hülflos; und das ist doch eine große Geduldsprobe. Wir denken aber doch in acht Tagen nach Baden-Baden zu gehen und Ende d. M. wieder in unser Heim in Frankfurt einzutreffen.
Meine Töchter senden Ihnen Ihre verehrungsvollsten Grüße und Wünsche. An Fräulein Ernestinchen und Frau Dr Steindah sagen Sie alles Gute von uns und bewahren Sie mir Ihre Freundschaft, die zu meinen liebsten Errungenschaften gehört.
In liebender Verehrung
Ihre ergebene
Clara Schumann.

Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, welche Freude mir Ihr Besuch, wenn Sie nächstens hinkommen sein wird.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Interlaken
  Empfänger: Lazarus, Moritz (916)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
352f.
 



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