25.02.2022

Briefe



Rückwärts
	
ID: 11553
Geschrieben am: Sonntag 25.06.1882
 

Frankf. a/m d. 25 Juni 82

Geehrter Herr Kalbeck
Ihrer gewandten Feder kann ich die meinige, ungeübte, nicht entgegensetzen, ich kann nur einfach mich an die Thatsache halten, daß Sie seit zwei Jahren, jenen Artikel in der Wiener Allgemeinen1 ausgenommen, mir keinen Beweis gegeben, daß Sie nur noch an unsere Sache dachten. Sie zeihen mich der Lieblosigkeit, während meine Freunde |2| Alle sich längst über meinen Langmuth in dieser Angelegenheit, gewundert. Ich wollte Sie nie drängen, weil ich wußte Sie hatten neue schwere Verpflichtungen eingegangen; schließlich aber, wie lange sollte ich noch warten? wenn man im 63ten Lebensjahre steht, scheint Einem schon jeder Tag nur eine Frist, und, ich schrieb Ihnen neulich in dem Gefühle der vollkommensten Resignation jemals die Vollendung des von mir geplanten und so sehnlich gewünschten Werkes zu erleben. Wenn ich Ihnen also vorschlug die Arbeit ganz aufzugeben, so geschah es einestheils aus den Ihnen schon mitgetheilten Gründen, anderentheils aber in der durch Ihr gänzliches Still-|3|schweigen gerechtfertigten Vermuthung, daß es Ihnen nur willkommen sein würde, wenn ich Sie Ihrer eingegangenen Versprechungen enthübe. Ist das aber nicht der Fall, wie Sie mir versichern, so kann es mir ja nur erwünscht sein, wenn Sie die Arbeit wirklich in Angriff
nehmen, und sehe ich den lebendigen Zeichen Ihres Schaffens mit Verlangen entgegen. Wiederholen muß ich Ihnen jedoch, daß ich es sehr riskirt fände, hätten Sie wirklich Ihren Redactions-Posten nur im Hinblick auf dieses Werk aufgegeben. Kann ein derartiges Werk jemals für ein aufgegebenes Fixum entschädigen? darüber |4| hege ich große Zweifel. Das Werk, wenn noch so interressant, wird doch immer nur einen gewählten Kreis von Lesern haben, und Dieser kann nicht groß genug sein um dem zu entsprechen, was Sie vorauszusetzen scheinen. Vielleicht irre ich, und könnte mich dann nur freuen.
Im Bezug auf den mir gesandten Artikel muß ich Ihnen bekennen, daß ich mich mit dieser Art von <> Zergliederung einzelner Tacte, Suchen nach Aehnlichkeiten ect. nicht befreunden kann, es erscheint mir solchen Meistern gegenüber philiströs, und, interressirt den Leser nicht so viel, daß er sich <> die Werke hervorholte um nachzusehen. Wenn |5| doch die sonst so wohlwollenden Schreiber glauben wollten, daß überhaupt nur kurz gefaßte Artikel die Leute fesseln und ansprechen.
Ich wundere mich überhaupt, daß der Schreiber in Aenlichkeiten [sic] Auffälliges findet. Wo haben große Meister in einer Zeit gelebt ohne daß man die Verwandtschaft der Geister und Gemüther nicht hie und da erkannte? und thut uns das nicht wohl? und wo wäre der große Meister, der sich selbst nicht wiederholte?
In Spitta habe ich manches sehr Treffende, über Einzelnes wunderschöne gefunden; jedoch bin ich nicht mit allem einverstanden, was ich ihm auch selbst schrieb. Einzelne Aeußerungen haben mich auch verletzt, und wäre mit einer oder der anderen kleinen Wendung der Sinn derselbe geblieben ohne das Gefühl, das man einem großen Menschen trägt [sic], zu beleidigen. Einzelne musikalische Beurtheilungen fand ich, z. B. |6| was er über den Lieder-Componisten Schumann sagt, so fein und sinnig, wie ich es kaum zuvor irgendwo gelesen. Vieles überhaupt mir ganz wie aus der Seele gesprochen.
Ich möchte wohl wissen ob Sie jemals einen Aufsatz von Deiters über Wasielewski’s Buch gelesen? Es ist doch schrecklich, daß ein Werk wie dieses letztere, das so wenig die Erkenntniß des Menschen wie des Künstlers zeigt, solch ’ne Verbreitung gefunden, und, traurig genug, sogar von Anhängern Schumann’s anerkannt wird, woraus man sieht, wie wenig selbst Diese Schumann kennen und richtig beurtheilen. |7| Doch genug, es läßt sich für Unsereinen so schwer über solche Dinge schreiben, man drückt sich <> ungenügend aus, und wird schließlich noch mißverstanden.
So denn zum Schluß meine aufrichtigen Wünsche für Ihre Genesung, der die Früchte recht bald folgen mögen zur Freude
Ihrer
ergeb
Clara Schumann.
<PS.>
|8| <Schumann und Mendelssohn u. andere über die der Verfasser des Artikels spricht, wundere ich mich, daß er Solche der Erwähnung werth hält. Wo haben je große Meister in einer Zeit gelebt, ohne Einer vom Anderen beeinflußt zu sein, das ist ja nur wohlthuend zu sehen. Z. Beispiel finden Sie das bei Mozart und Beethoven.
Ich wundere mich daß der Schreiber <die Aehnlichkeiten> in Aehnlichkeiten <etwas> Auffälliges findet. Wo haben je große Meister in einer Zeit gelebt, ohne daß man die Verwandschaft der Geister nicht hie und da[?] schön[?] und wohlthuend>

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Kalbeck, Max (785)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 4
Briefwechsel Clara Schumanns mit Maria und Richard Fellinger, Anna Franz geb. Wittgenstein, Max Kalbeck und anderen Korrespondenten in Österreich / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Anselm Eber und Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-015-5
644ff

  Standort/Quelle:*) D-Zsch, s: 6730-A2
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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