19.12.2019

Briefe



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ID: 11844 Brieftext


Geschrieben am: Montag 28.07.1884
 

Vordereck bei Berchtesgaden Pension Moritz d. 28 Juli 84
Liebste Frau v. Beckerath,
eine große Bitte habe ich an Sie, bitte schreiben Sie auf Inliegendes Briefchen die Adresse vom Arzt meines Sohnes – ich kenne nicht seinen Namen, und habe ihm doch schreiben müssen ohne Wissen des Ferdinand. Es handelt sich darum, daß ich wünsche daß Ferd. nach der Cur noch 4 Wochen in etwas kräftigerer Luft zubringt als Wiesbaden, vor allem nicht nach Berlin geht, um dort einen Umzug zu besorgen – ich theilte dem Arzt meine Ansicht mit, lasse den Brief offen. – ich weiß Sie nehmen Theil, u. können vielleicht auch Ihrerseits in meinem Sinne dem Ferd. zureden – darum lesen Sie ihn. Ich glaube sicher, auch Sie werden mit mir übereinstimmen. Ferd. schreibt mir so viel von Ihrer beider Güte, und künstlerischer Nachsicht Ihres lieben Mannes. Ach, welche Sorge macht mir Ferdinand! er schreibt es gehe ihm besser, aber ob er gänzlich hergestellt werden wird? sicherlich nicht, wenn er nicht den ganzen Sommer noch seiner Gesundheit lebt.
Tief erschüttert war ich von dem Geschick des armen Wolff – ich begreife es gar nicht, war die Frau krank? wie mag dieser Schlag auch Sie getroffen haben, Sie sind ihm ja verwandt, nicht wahr? Wie furchtbar ernst ist doch das Leben, es ist oft ganz darniederdrückend, und bedarf aller Seelenkraft, daß man den Kopf oben behält. Gott sei Dank, fällt ja auch manch Gutes in die Waagschale, daran man erstarken muß. Leben Sie wohl, liebe Frau v. B. nochmals Dank für Alles von Ihrer treuen Clara Schumann.

P. S. Mir ist es sehr schlecht gegangen, bis ich mich zu einer Morphium-Einspritzung entschloß, die meinem Leiden einen milderen Charakter gebracht hat. Marie ist noch auf demselben Fleck wie zu Haus, und macht mir große Sorge. Eugenie, sonst die Zarteste, ist jetzt die Gesunde. –
Ob sie wohl in Wiesb. sind? bitte lassen Sie mich einmal ein Wort hören über sich, und auch wie Sie meinen Sohn gesundheitlich finden, offen, bitte. Die Kinder grüßen freundlichst.

[Umschlag]
Frau
Laura von Beckerath.
in
Wiesbaden.
23. Adolfs-Allée.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Vordereck
  Empfänger: Beckerath, Laura von (168)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 12
Briefwechsel Clara Schumanns mit Landgräfin Anna von Hessen, Marie von Oriola und anderen Angehörigen deutscher Adelshäuser / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-023-0
265ff.
 



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