19.12.2019

Briefe



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ID: 12640 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 31.08.1890
 

Obersalzberg bei Berchtesgaden d. 31 Aug. 90.
Liebste Marie,
ich beantworte erst heute Ihr liebes Schreiben, weil ich Sie nun wieder in Ihrem Heim weiß, und dorthin meine Gedanken zu richten, thut mir wohl. So nehmen Sie denn fürerst Dank für den lieben Brief, der so viel Erfreuliches enthielt, ging doch daraus hervor, wie befriedigt Sie von Ihrer Reise sind. Wie freue ich mich auf Ihre mündlichen Erzählungen, und, überhaupt, Sie wieder zu sehen.
Von uns kann ich Ihnen Gutes sagen – in meinem Alter wird man ja die kleinen Leiden nie mehr los, aber ich kann im Ganzen doch zufrieden sein; Franzensbad hat mir entschieden genützt, und hier oben die balsamische Luft auch, so weit wir sie nur eben bei der furchtbar wechselnden Witterung genießen konnten. Eugenie ist in Kandersteg Ct. Bern, hat sich dort mit der Fillu ganz häuslich eingerichtet, und geht am 5t Septbr. über den Paß zu Fuß nach der Mayence zu Vonder Muhl’s. In Baden werden wir wohl wieder zusammentreffen. Wir sind noch nicht ganz entschieden, welchen Tag wir gehen – auf alle Fälle wollen wir in München einige Tage bleiben. Levi hat den Fidelio mit einer neuen „wunderbaren“ Sängerin für mich angesetzt, u. hoffe ich überhaupt das Theater [zu] genießen. Betty war einige Tage hier, kommt im Octbr. zu uns nach Frkf. Sie gebraucht noch eine kleine Franzensbader Cur. Bis jetzt hat sie nur für Andere gelebt u. gesorgt.
Ilona hat Ihnen doch wohl geantwortet – ich schickte ihr gleich Ihren Brief. Sie freut sich gar sehr auf den Aufenthalt bei Ihnen, und, ich glaube, Sie werden sie bald gern haben – sie ist ein talentvolles Wesen.
Nun, leben Sie wohl, liebe, theuere Marie, grüßen Sie den lieben Mann von uns Beiden, Marie grüßt auch Sie herzlichst mit mir Ihrer alten Cl. Sch.

P. S. Ich hatte eben den Brief zugemacht da kommt einer aus Frankf., der uns meldet daß eine Schwester der Ilona nach Frankfurt gekommen ist, die ich zwar nicht persönlich kenne, Ihnen aber doch den Rath geben möchte, daß Sie sich derselben gegenüber ganz reservirt halten. Sie ist Schauspielerin, hat ein gutes Engagement in Hamburg als Soubrette, das sie schon eingegangen war, wieder rückgängig gemacht, und, da wir wissen, daß die Familie blutarm ist, so fürchten wir, sie will sich an Ilona anklammern.
Das aber ganz entre nous.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Obersalzberg
  Empfänger: Oriola, Marie von, geb. Christ, verh. Berna (2699)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 12
Briefwechsel Clara Schumanns mit Landgräfin Anna von Hessen, Marie von Oriola und anderen Angehörigen deutscher Adelshäuser / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-023-0
608f.
 



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