Obersalzberg bei Berchtesgaden d 21 Aug. 1888.
Liebe Königl Hoheit,
erlauben Sie, daß ich dem Drange meines Herzens folge, und Ihnen ein Dankeswort für Ihren so herzlichen Brief sende, der mir eine wahre Freude bereitet hat. Wie sehr leid war es mir, daß ich Königl Hoheit nicht mehr sehen konnte, vor allem aber, daß die Ursache eine so peinigende für Sie war. Der Winter war aber auch gar zu schrecklich, und nun wieder der Sommer – es ist ja ein Gottes Wunder wenn der Mensch dabei gesund bleibt. Welch ein Jahr war Dieses, wie abnorm, und was hat es Ihnen, theuere Frau Landgräfin, für Verluste gebracht! trafen sie doch das ganze Volk, wie vielmehr noch die Familienglieder! Ach, und man fühlte sich doch wie von einer schweren Herzenslast befreit, als der arme verehrungswürdige Kaiser Friedrich starb! wie hat er gelitten, welch ein Vorbild war er für das ganze Reich, für die ganze Welt! –
Von uns kann ich Ihrer Königl Hoheit soweit Gutes berichten, als wir hier die herrliche Natur genießen, freilich muß man dem Himmel die wenigen guten Stunden ablauschen. Dies hat in uns sehr den Wunsch angeregt noch einige Wochen an den Comer See zu gehen – wäre nur die Reise dahin nicht so groß! langes Fahren ist immer eine Anstrengung für meinen schwachen Rücken. Meine Töchter, die innigst dankend Ihrer Königl Hoheit freundliche Grüße erwiedern, sind wohl, und schließe ich, Ihnen, liebe verehrte Frau Landgräfin, einen recht erquicklichen Sommer wünschend als Ihrer Königl Hoheit
getreueste
Clara Schumann.
[Umschlag]
Ihrer Königl Hoheit
Frau Landgräfin
Anna von Hessen.
auf dem
Kurfürstl Schlößchen
Schönfeld bei
(Cassel.)
[Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Kulturstiftung des Hauses Hessen]
|