19.12.2019

Briefe



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ID: 13174 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 19.03.1895
 

Frankfurt a/M d. 19 März 95.
Liebe Julie,
Sie müssen mir verzeihen, daß ich Ihren lieben Brief zum 1ten Jan. nicht beantwortet habe, ich habe ihn darum doch nicht ohne wärmste Theilnahme gelesen. Aber, ich kann die Neujahrsbriefe nicht mehr Alle beantworten, es fehlt mir Zeit und Kraft. Ich kann nicht mehr, wie früher, Stunden lang am Schreibtisch sitzen, und, sehe ich dann so viele Briefe vor mir liegen, dan [sic] schwindet mir oft der Muth, und ich bringe das Wenigste fertig. –
Heute haben Sie mir aber einen so schönen dreiblättrigen Gruß gesandt, daß ich dafür danken muß. Das ist ja ein reizendes Trio, und wie nett war es von den Damen, daß sie mir gleich die „Nänie“ vorsangen! es war das Einzige was ich genießen konnte, denn im Theater sah ich nur, hörte aber nichts. Wie Sie ja wissen habe ich das schwere Kopfleiden, das fortwährende Musiciren, so daß ich nur im Zimmer hören kann, und, was ich nicht kenne, ein paar Mal hören muß, ehe ich es verstehe. Das Publicum war höchst enthusiastisch, hätten die Damen hier gleich ein Concert geben können, es wäre gewiß gut ausgefallen. Ihre Schwester muß rege Freude an dem Trio haben, wie fein hat sie ihnen Alles einstudirt. Das eine Lied von Brahms fanden die Musiker, auch meine Kinder, etwas zu langsam – ich konnte es ja nicht hören. Wenn die Damen wieder hierher kommen, dann bitte ich mir ’mal eine Anzahl Lieder hier in meinem Zimmer aus. Gewiß gehen Sie selbst mit dem Gedanken eines Concertes um, was jedoch (ich will es hier gleich erwähnen) nur reüssiren kann, wenn sie eine Liste herumschicken. Steyl u. Thomas reden immer davon ab, aber alle Concerte ohne Liste sind hier leer, das ist eben noch alter Zopf! Gern wüßte ich, was die Damen zugegeben haben nach der ersten Nummer mit Clavierbegleitung. Bitte, sagen Sie es mir gelegentlich auf einer Postcarte.
Von uns kann ich Ihnen soweit Gutes sagen, als ich, das Kopfleiden abgerechnet, das freilich eine schwere Prüfung ist, nur mit kleineren Alters-Leiden (aber immerhin) kämpfe. Doch, so lange ich arbeiten, noch etwas nützen kann, will ich dankbar sein. – Marie ist in jeder Hinsicht bewunderungswürdig! Eugenie geht es gut in London, hat eine höchst angenehme Stellung dort, verdient ganz hübsch, ohne sich zu überanstrengen. Mein ältester Enkel studirt jetzt Musik bei uns, Julie etablirt sich in Wiesbaden wohin ihre Mutter jetzt zieht, als Lehrerin, der 2te Bruder Ferdinands nimmt ihre Stelle bei uns ein, bereitet sich auf die Kaufmanns Carriere vor. Viele Sorgen sind das – manchmal drücken sie schwer auf mir! – Doch genug! Herzlichstes für Sie, Ihre Schwester Anna u. die liebe Juckely [?], von Ihrer alten Clara Schumann.

Marie grüßt sehr.

[Umschlag]
Fraeulein
Julie v. Asten.
Berlin W.
12 Blumeshof.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Asten, Julie von (2015)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
58ff.
 



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