05.01.2022

Briefe



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ID: 14047
Geschrieben am: Sonntag 17.04.1853
 

Düsseldorf d. 17 April 1853
Liebe Marie,
tausend Dank für Alles – es war Alles ganz vortrefflich! die Roulleaux sol¬len schon nächste Woche in meinen Zimmern blenden, der Piquee ebenso nächste Woche verarbeitet werden! die Spitzen sind vortrefflich und fast noch einmal so billig als hier, das Crepptuch und das Andere sind auch wunderschön gewaschen, und wie froh war ich über die Nadeln! kurz, man braucht sich nur an Sie zu wenden, so hat man Alles, wie man es sich nur irgend wünschen kann. Ich danke Ihnen herzlich für Alles – auch des schönen Sallat’s nicht zu vergessen, den Sie mir doch gefälligst bei einer zukünftigen Sendung wieder mit beilegen mögen, dann aber mit dem Be¬merken in welcher Art Erde man diese Wurzel zieht! wir wollen sie hier einem Gärtner zur Fortpflanzung geben.
Als ich Ihren Brief gelesen, hätte ich Ihnen am liebsten gleich wieder geschrieben, |2| denn Ihre Pianoforte-Angelegenheit lag mir gewaltig am Herzen, ich konnte aber nicht, denn ich habe wirklich jetzt sehr viel zu thuen. Heute muß es aber sein, und sollte ich wirklich dafür eine Stunde nicht spielen! – Das ist eine gar wohl zu erwägende Sache, Liebste! was ich davon denke sage ich Ihnen im Vertrauen auf Ihr unverbrüchliches Schweigen. Die Instrumente mit deutscher Mechanik von Härtel sind nicht besonders, noch weniger die von Irmler, die wirklich nur mittelmä¬ßig genannt werden können. Ueberlegen Sie Sich das ja recht ordentlich, ehe Sie Sich zu Einem oder dem Anderen bestimmen. Gefällt Ihnen so ein Stutz nicht, wie Emilie ihn hat? oder hätten Sie nicht Lust zu einem Stutze von Klemms? gerade die Kleinen Instrumente macht er so hübsch, und dann sind dieselben auch mit englischer Mechanik; deutsche Mechanik müssen Sie nicht nehmen, das wäre doch wirklich thöricht. Nun habe ich neulich mit Klemms gesprochen, was er von Ihnen für solch einen Stutz verlangen würde, und er verlangt nun freilich 280 Thaler und zwar könne er sich auf keine andere |3| als halbjährliche Abzahlung einlassen; die Hälfte der Summe beim Empfang des Instruments, die andere Hälfte nach einem halben Jahre. Das sind nun freilich keine für Sie annehmbaren Be¬dingungen (das Instrument zu schicken würde er übrigens wohl noch auf seine Schultern nehmen), ich wollte sie Ihnen aber doch <> mittheilen. Als ich dieß Klemms <he> sagte, daß ich nämlich nicht glaubte, daß Sie darauf eingehen könnten, meinte er, Sie hätten doch gewiß einen oder den anderen Freund, der Ihnen das Geld vorschösse, doch ich sagte ihm, ich wisse, daß das nicht der Fall, konnte ihn aber trotzdem nicht mürbe ma¬chen. Er verkauft diese Art Instrumente immer zu 210–20 Thaler, glaubte also schon etwas Großes zu thuen, indem er 30–40 Thaler weniger sagte. Was ich Ihnen nun rathen soll, weiß ich wahrhaftig nicht, und es ist auch wirklich eine große Verantwortlichkeit, Ihnen da zu Einem oder dem An¬deren zu rathen, denn gerade Sie möchte ich so gern dann in jeder Hin¬sicht befriedigt sehen, denn das Opfer ist für Sie wahrhaftig nicht kleines. Schreiben |4| Sie mir wieder, was Sie darüber denken. Noch möchte ich Sie warnen, es giebt gewisse Musiklehrer (ich kenne sie) die ihre ganz hüb¬schen Procente für jedes Instrument was sie verkaufen erhalten. Irmler giebt sehr gute Procente, Härtel etwas weniger, aber auch! nun urtheilen Sie Selbst, mit wem es diese Herren Musiklehrer am aufrichtigsten mei¬nen, mit ihren Schülern oder mit sich. Mir, liebste Marie, kann es gleich sein, wo Sie kaufen, ich habe nur Ihr Wohl im Auge, nun, das brauchte ich Ihnen eigentlich nicht zu sagen! ich will Sie zu Keinem bestimmen, nur meine Ansicht aussprechen, die eben dahin geht, daß ich meine, Sie sollen Sich ein Instrument mit englischer Mechanik nehmen, und gern verschaff¬te ich Ihnen solch einen kleinen Stutz von Klemms, der vollkommen im Zimmer ausreicht; neulich hat Herr Tausch Einen in Ermangelung eines Anderen im Concert gespielt, und das kleine Ding gab ganz hübsch aus; es versteht sich nun auch von selbst, daß ich es erst prüfte, bevor Sie es erhielten – doch, ich wollte ja nicht zureden, und habe es nun doch so halb und halb gethan! nehmen Sie es nicht dafür <s> an, sondern überlegen Sie bei Sich Selbst, was Ihnen annehmbar scheint, was nicht. (Dieser Bogen ist ein Vertrauens-Votum – verbrennen Sie ihn.)
|5| Nun, meine liebe Marie, werden Sie zum Musikfest kommen? wie sollte mich das freuen! es wird ein schönes Fest werden! Erster Tag: Sym¬phonie von meinem Manne (Dmoll) und „Messias“ mit Clara Novello, Herrn v. Osten, Schloss, Hartmann und Herrn Salomon – dirigirt von meinem Manne. Zweiter Tag: Ouvertüre zu Euryanthe, Psalm von Hel¬ler, 1ter Act aus Alceste (mit Ouvertüre natürlich[)]; Schluß: 9te Sympho¬nie von Beethov. <Dritter> Dirigent – Hiller. Dritter Tag: noch nicht Alles bestimmt, jedenfalls Concert von Beethov. für Violine von Joachim vorgetragen. Concert von Robert, von mir gespielt, und am Schluß wahr¬scheinlich eine Ouvertüre über das Rheinweinlied mit Chor am Schlusse von Robert (er arbeitet noch daran!). Nun sagen Sie mir, ist das nicht lo¬ckend? besinnen Sie Sich einmal! doch da rede ich schon wieder zu Etwas zu, was ich nicht sollte! – Wenn Sie aber einmal kommen, dann muß es wenigstens einen Monat wieder sein! Sie können denken, daß wir viel zu thuen haben – was für Briefe giebt es da immer zu schreiben, das glauben Sie nicht! und welches Geld das kostet; wenigstens 3–4 000 Thaler kostet so ein Fest immer. Der Himmel gebe nur gutes Wetter eine große Haupt¬sache dabei! –
|6| Bei uns geht Alles gut, bis auf Eugenie, die ein wenig Zahnfiebert. Ich spiele jetzt täglich 1–2 Stunden und fühle recht meinen Gewinn an Si¬cherheit. Vieles könnte ich Ihnen jetzt vorspielen, vor Allem mit höchster Begeisterung Roberts 5 Ouvertüren (die zu Herrmann und Dorothea und Julius Cäsar mit eingerechnet) und die 6 Fugen für B A C H. – Schüler habe ich auch für so ein kleines Nest ziemlich Viele, doch im Mai wird’s dann wieder aufhören, was einestheils gut für mich ist, denn ich habe jetzt mit den Stunden an meine Kinder täglich drei Stunden zu geben, und das greift mich sehr an. –
Ich weiß nicht, ob ich Ihnen von einer neuen Ballade Roberts „das Glück von Edenhall“ von Uhland, für Orchester Männerchor und Tenor und Baß-Solo schrieb? es ist ein prachtvolles Stück! das könnte ich Ih¬nen auch vorspielen, auch „des Sängers Fluch“! ei, was schwatze ich da wieder! –
Sie werden Sich auch über diese alberne Notiz in den Signalen geär¬gert haben! ich kann nicht glauben, daß diese von Dietrich war, denn da verdiente er wahrhaftig nicht Roberts |7| musikalischen Umgang, wenn er nichts Besseres zu sagen wüßte! –
Sie bekommen noch 6 sgr 3 d, doch will ich Ihnen das gelegentlich einhändigen – hoffentlich sind Sie die Gelegenheit Selbst.
Nun, meine liebe Freundin, leben Sie wohl! denken Sie recht viel hier¬her – vielleicht daß eine magnetische Krafft Sie heranzieht! doch, ich will dieselbe nicht sein! Sie könnten ja Ihren Bruder in Bremen besuchen müssen, und können dann Düsseldorf kaum gut umgehen!
Adieu! Rosalie leidet sehr an ihrem einen Auge, an welches sie das Unglück hatte sich so heftig gegen eine Ecke zu stoßen, daß es beinah ausgelaufen wäre und sie nun schon 14 Tage an’s Sofa fesselt, denn es hat sich ein heftiges Rheuma darauf geworfen. Alle von dort grüßen Sie herzlich, vor Allen ich
Ihre
getreue
Clara Sch.
Nb: Thuen Sie mir den Gefallen, jedenfalls den ersten Bogen in’s Feuer zu werfen. Denn er könnte mir sehr unangenehm werden.
|9| D. 23
Was sagen Sie dazu! ich habe den Brief gestern in der Tasche um ihn zur Post zu bringen, da fällt mir auf einmal noch Etwas ein, ich nehme ihn wieder mit nach Haus, und nun bekommen Sie ihn sogar mit zwei Zed¬delchen. Ich dachte nämlich, die Sendung mit all den Sachen ist einmal eine Große, da könnten Sie mir wohl gleich auch 4 Stück Piquee, so/wie man ihn zu Nachtjacken und Unterröcken gebraucht ┌schicken┐; eine Pro¬be ist nicht nöthig, suchen Sie mir ein hübsches kleines Muster aus, und das Handeln überlasse ich Ihnen, |10| Sie werden schon möglichst billig kaufen. d. h. aber, schlechten dünnen Piquee will ich nicht, es muß eine dauerhafte Sorte sein.
Ein Pröbchen Roulleaux-Spitze lege ich bei, damit Sie ohngefähr wis¬sen, wie ich sie wünsche – am liebsten zwei halbe Stücken verschiedene Muster, die sich gut waschen.
Ferner lege ich 15 Thaler bei, damit Sie nicht auszulegen brauchen. Noch will ich Ihnen sagen, daß ich bei Simon einmal ein ganzes Stück Spitze zu < ? > Roulleaux zu 2 rt gekauft habe – da wissen Sie auch das von ohngefähr.
Adieu, liebe Marie! heute zeichne ich mich mit wahrhaft reuigem Herzen
Ihre Cl. Sch.
|11| Nachschrift.
Ich habe Ihnen gesagt, daß ich die kleinen Zeddelchen nicht liebe, und nun muß ich selbst um Nachsicht für Dieses hier bitten. –
Mein Mann sagte mir heute, ich möchte doch einmal, wenn ich wieder eine Sendung von Ihnen erhielte, ein kleines Schächtelchen Rabundica’s (eine braune Wurzel, die man in Sachsen als Sallat bereitet) kommen las¬sen; hier kennt man dieß Gewächs gar nicht. Könnten Sie das vielleicht bewerkstelligen? und mir aber dazu schreiben, wie man |12| die Wurzel kocht? ob man sie nur aufkochen läßt und dann schält, oder, ob sie weich kochen muß – ich hab es ganz vergessen.
Heute bin ich aber wirklich entsetzlich prosaisch – seyen Sie, liebste Marie, nicht bös.
Ich will nun den Brief zumachen, sonst, wer weiß, was mir noch für ein Gericht einfällt! –
Wie immer Ihre
C. Sch.




  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Lindeman, Marie von (2605)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
1173-1180

  Standort/Quelle:*) D-Dl, s: Mscr. Dresd. App. 16, Nr. 25
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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