25.02.2022

Briefe



Rückwärts
	
ID: 14051
Geschrieben am: Sonntag 26.03.1854
 

Meine liebe Marie,
ach, wie so gern hätte ich Ihnen längst schon geschrieben, aber Sie glau¬ben nicht, wie schwer es mir wird einer Freundin zu schreiben – es reißt immer alle Wunden von Neuem auf! – Ja, Liebste, der Himmel hat mich ein großes seltenes Glück genießen lassen, aber schwer, sehr schwer prüft er mich auch jetzt! Härteres, als Ihn von mir zu lassen, ohne Abschied, konnte er mir <auf> wohl nicht auferlegen, es ist zu unbeschreiblich! könnten Sie in mein Herz sehen, wie so öde und zerrissen von tiefstem Schmerze es ist! – Die letzten Nachrichten aus Bonn haben mir etwas Muth wieder gegeben, denn mein theuerer Robert ist doch schon seit 8 Tagen bedeutend ruhiger, und auch hier habe ich von vielen schlimmen Zuständen gehört, die |2| glücklich geheilt wurden. – Bei alle dem leide ich aber durch die Trennung unendlich, und manchmal ist’s mir ordent¬lich, als ob das Herz springen müßte! sein theures Bild ist mein Labsal und sein Zimmer mein liebster Aufenthalt – es ist mir darin immer ganz heilig zu Muthe! manchmal wird mir’s entsetzlich trostlos, und manchmal denke ich wieder, sollte mir der Himmel nicht vielleicht doch nur diese Prüfung geschickt haben, um mich in meinem Glücke nicht übermüthig werden zu lassen – obgleich ich es nie war, sondern es immer so überaus hoch schätzte! vielleicht, daß er mir Ihn, mein Liebstes auf der Welt, wieder schenkt, und Alles noch wieder gut wird! ach, Marie, man hofft und hofft! <woran> woran sollte sich denn auch mein gebrochenes Herz |3| halten, wenn nicht an der Hoffnung!
Sie schrieben so freundlich an Frl. Leser, Sie würden mich gern auf einige Zeit besuchen, wenn ich es wollte. Daß <mir> mir dieß eine Freu¬de wäre, brauche ich Ihnen ja nicht erst zu sagen, aber ich kann ja solche Opfer nicht von Ihnen verlangen, das geht nicht! Sie dürfen jetzt in Ihrer Lage, wo Sie nicht wissen können, wie bald es nöthig werden kann für Sie Selbst, keine Stunden meinetwegen versäumen, und keine so kostspielige Reise machen, das darf ich nicht verlangen – hier muß die Vernunft walten – nicht das Herz! –
Gern schriebe ich Ihnen Näheres über den Verlauf vom Anfange an von meines Roberts Krankheit, denn wohl weiß ich, wie innigen Theil Sie daran nehmen, aber schrifftlich kann ich das nicht mehr, |4| ich that es mehrmals, wo es sein mußte, und büßte es gar zu hart. Vielleicht, daß wir uns doch bald einmal sprechen, oder ich später mehr Ruhe gewinne es Ihnen näher mitzutheilen.
Für heute habe ich nun noch eine große Bitte. Inliegender Brief ist ein sehr wichtiger an die Lind, den ich ihr schon nach Berlin gesandt, da sie jedoch von dort schon abgereist war[,] vor einigen Tagen wieder zu¬rück erhielt mit dem Bemerken, sie sey jetzt in Dresden. Nun bitte ich Sie dringend, bringen Sie ihr diesen Brief eigenhändig, lassen Sie Sich nicht abweisen, sondern berufen Sie Sich auf mich, bitte, thuen Sie das, aber gleich! sollte sie jedoch schon wieder abgereist sein, so erkundigen Sie Sich bei Kaskel, wohin man ihr Briefe schicken kann, denn mit Gonne’s (Kas¬kels Tochter) ist sie ganz intim, < > und diese wissen es sicher. Dann bit¬te, schreiben Sie es |5| mir gleich und schicken mir den Brief recomman¬dirt und unfrankirt zurück, lassen Sich dann gefälligst auf der Post einen Schein darüber geben, denn in dem Briefe liegt ein wichtiges werthvolles Papier. Also, Liebste, nicht wahr, Sie thuen mir den Gefallen? –
So hoffe ich denn recht bald wieder auf ein Wort von Ihnen, und schreiben Sie mir dann doch auch, wie es mit Ihren Augen geht, und was Sie darüber in nächster Zeit <d> zu thuen denken?
Noch muß ich Ihnen sagen, daß ich Beweise von Theilnahme erhalte, die ich nie geahndet hätte! sie thuen meinem Herzen unendlich wohl, denn ich sehe so klar, wie geehrt und geliebt Er in der Welt dasteht, und das ist doch ein beseligendes Gefühl! – Nur mein Vater zeigt auch jetzt, wie in so vielen Fällen schon, keine Spur von Herz – noch hörte |6| ich von dort her kein Wort.
Nun grüßen Sie Alle die Ihn und mich lieben innigst, und beten Sie, liebe treue Freundin für
Ihre
unglückliche
Clara Schumann.
Sonntag d. 26 März 1854
Morgen sind es 4 Wochen, daß ich Ihn nicht sah – ach, es blutet mir das Herz, daß ich ihn nicht pflegen darf! –

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Lindeman, Marie von (2605)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
1191-1194

  Standort/Quelle:*) D-Dl, s: Mscr. Dresd. App. 16, Nr. 28
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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