05.01.2022

Briefe



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ID: 14052
Geschrieben am: Sonntag 30.04.1854
 

Düsseldorf d. 30 April 1854
Meine liebe Marie,
trüb von innen und außen ist es heute um mich, ach, und ich sollte <he> an Niemand schreiben, denn ich habe die Gedanken nicht beisammen; aber es quält mich etwas in Ihrem letzten Briefe, worüber ich Ihnen schreiben muß. Ich habe hier mit einem berühmten Augenarzte gespro¬chen, und er, wie wir Alle beschwören Sie, wenden Sie Sich nur an den Besten, Anerkanntesten, um Gottes Willen nicht an Einen von Dem Sie kaum wissen, ob er Etwas davon versteht! ich bitte Sie, liebste Marie, be¬denken Sie, was daran hängt für Ihr ganzes zukünftiges Leben! so sind wir auch gar nicht einverstanden damit, daß Sie Sich operieren lassen, bevor beide Augen reif sind! denn thuen Sie es vorher, so ist damit gar nicht gesagt, daß Sie dann, wenigstens bei einem Mislingen [sic] des Versuches, das eine Auge erhielten, im Gegentheil die Operation ist weit gefährlicher bei einem Auge allein, denn mislingt sie, so geht das Andere auch verloren; lassen Sie aber Beide reif werden, und gehen dann zu Jüngken, der jetzt eben erst den alten 70jährigen |2| Schadow sehr glücklich operirt hat, so daß er sogar wieder zu malen anfängt, so wird gewiß Alles glücklich gehen. Ich glaube, wenn Sie meiner Mutter schreiben, diese hat sogar ein Zimmer, was <Sie> sie Ihnen für 2 Monate vermiethen könnte. Ueber¬legen Sie es ja reiflich, liebe Marie, und lassen Sie Sich nicht von Diesem oder Jenem zu Dingen bereden, die Niemand verantworten kann. Der Arzt, von Dem Sie schreiben soll noch ein ganz junger unerfahrener Mann sein – er kann Geschicklichkeit besitzen, doch hat er sie gewiß noch nicht häufig bewährt, wie z. B. Jüngken oder Gräfe in Berlin weltberühmt sind.
Von uns kann ich Ihnen leider gar nichts Gutes sagen! mein theurer Robert befand sich in den letzten Wochen um Vieles besser, er ging viel spatzieren, pflückte Blumen, machte auch mitunter einen Scherz, las leichte Lectüre, und schlummerte viel, was dem A<e>rzte sehr erwünscht war, doch plötzlich seit vorigen Donnerstag hat er wieder unausgesetzt Gehöraffectionen, und ein tiefes |3| Insichgekehrtseyn. Ach, wie mich das schmerzt, das kann ich Ihnen gar nicht sagen! Gott weiß, was er in¬nerlich leidet, ob er sich nicht doch vielleicht nach mir und den Kindern sehnt! – Sie wissen ja, er war immer ein so innerlicher Mensch, der über das, was Ihm am heiligsten, am wenigsten sprach! er hat noch nie nach mir gefragt, können Sie das begreifen? jetzt geht es schon in die 9te Woche, daß er in Endenich ist! Ach, Marie, daß mein Herz, noch schlägt, ist ein Wunder Gottes! was ich in dieser Zeit durchgemacht, wie immer schmerz-licher ich die Trennungswunden bluten fühle, ich kann es Ihnen nicht be¬schreiben. Nun denken Sie, was mir bevorsteht! meine Niederkunft und sein Geburtstag zu einer Zeit! beten Sie für mich, meine liebe Freundin, daß Gott mir Krafft gebe, das furchtbare Schicksal zu tragen, und für Ihn, meinen so tief geliebten, herrlichen Mann, daß Gott Ihm seinen schönen Geist wieder in voller Klarheit schenke. Ach, sollte denn unser ganzes großes Glück mit einem Male auf |4| immer vernichtet sein! ach Marie, es ist zu hart, das Wesen daß man in der Welt am meisten liebt – den Mann, Den ich schon (ich möchte sagen) als Kind liebte, ohne Den ich ja nur noch vegetieren kann durch künstliche Pflege, bis das dann auch nicht mehr geht – diesen Mann mußte ich in seinen Leiden von mir lassen, fremden, ungeweihten Händen überlassen! mein Verstand droht mir auch manchmal zu wanken! Gott helfe uns.
Leben Sie wohl, liebste Marie! überlegen Sie wohl, was ich Ihnen schrieb, haben Sie 1 000 Dank für Ihre letzte Besorgung, und schreiben Sie bald wieder Ihrer
unglücklichen
Clara Schumann.
NB. Noch Eines: bitte, sprechen Sie nie viel von den Zuständen meines armen Mannes, weder wenn sie schlimm, noch wenn sie gut sind; es wech¬selt noch zu sehr, und es geht ja Alles gleich in die Blätter über. Giebt Gott erst wirkliche Besserung, nun so werde ich die Erste sein die es freudig Jedem mittheilt, aber jetzt ist ja der Horizont noch gar so sehr umwölkt! –
Frl. Leser grüßt Sie herzlich, Sie legt Ihnen das mit den Augen recht dringend an’s Herz. Sie ist mein einziger Umgang jetzt! von einer Treue ist sie, wie sie selten in der Welt.
Ich bin Ihnen noch 17 sgr schuldig – ich will erst wieder Etwas dazu kommen lassen – meinen Sie nicht auch? es kostet so viel Porto, und packt sich noch obendrein schwer. Oder, bin ich Ihnen vielleicht mehr schuldig? es könnte wohl sein, ich hätte mich geirrt – bitte, sagen Sie mir es dann! –


  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Lindeman, Marie von (2605)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
1195-1197

  Standort/Quelle:*) D-Dl, s: Mscr. Dresd. App. 16, Nr. 29
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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