05.01.2022

Briefe



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ID: 14058
Geschrieben am: Donnerstag 02.08.1855
 

Düsseldorf d. 2 August 1855
Meine liebe Marie,
ich weiß nicht, was ich Ihnen eher schreiben soll, so viel ist’s, daß ich Ihnen zu sagen habe, dazu den furchtbarsten Umzug-Troubel, und meine Reise in’s Seebad nach Düsternbrook; eben auch erst von Ems und Baden zurückgekehrt! darum in möglichster Kürze Alles, vor Allem Etwas, daß mir für Sie recht eigentlich am Herzen liegt. Längst schon sann ich darauf, wie Ihnen wohl ein sorgenfreies Leben zu schaffen sey, und hatte immer die Stelle bei Frau Deichmann in Mehlem im Sinne; dieselbe ist nun wie¬der offen vom 1 Septbr. an, und hat mich Frau Deichmann beauftragt an Sie zu schreiben, ob Sie sie annehmen möchten? sie giebt 250 Th (wenn ich darauf bestehe, glaube ich auch 300 Th zu erlangen) sonst Alles frei, dafür haben Sie täglich 3 Stunden fixum zu geben, können sonst aber thuen, was Sie wollen, engl und französischem Unterrichte mit beiwoh¬nen, |2| wenn Sie es wünschen, denn es sind Gouvernanten im Hause, einen Flügel zur Benutzung, so viel Sie wollen. Es liegt herrlich, gerade dem Drachenfels ┌u. Königswinter┐ gegenüber, gesunde Luft und ich <f> würde dann für Sie beanspruchen, daß sie zu den Concerten in Bonn hinfahren dürften. Frau Deichmann ist eine gutmüthige Frau, aber mit allen Capricen reicher Damen behaftet; Sie wissen wohl, mit Solchen läßt sich Alles machen, faßt man sie bei ihren schwachen Seiten. Ich weiß, daß sie Frl. Schönerstedt Vieles geschenkt, doch Diese war sehr undankbar, und wollte sich in nichts fügen. Sie aber sind älter, ernster, und da meine ich, nähmen Sie es an, so hätten Sie nicht diese steten Sorgen von einem Tage zum Anderen. Die Reise bezahlt sie Ihnen natürlich von Dresden dahin. Wollen Sie mir, bitte, darüber gleich schreiben, und noch Eines, wie es mit Ihrer Gesundheit steht, denn das war eine Hauptbedingung der Frau Deichmann. Liebste Marie, ich will Ihnen |3| nicht zureden, denn Alles in der Welt hat seine zwei Seiten. Ich dachte mir nur so, wenn Sie dort 2–3 Jahre aushalten, so hätten Sie dann genug erspart (ich meine Sie könnten dann bei 300 rt Gehalt – wenn ich das erlange – immer 200 rt zurücklegen) um wo anders hingehen und ruhig es ansehen zu können, bis es sich wieder mit Stunden macht. Ueberlegen Sie es, und antworten mir ja schnell, denn nehmen Sie es nicht an, so habe ich eine andere Schülerin von mir in Vorschlag zu bringen.
Von mir nur in Kürze, daß ich gesund bin, nur meine Glieder der Stärkung bedürfen; meine Familie bringe ich mit Gottes Hülfe durch, bis jetzt, und im Winter wird der Himmel wohl weiter helfen. Mit meinem armen Manne geht’s noch nicht besser, seit 3 Monaten sah ich von Ihm Selbst keine Zeile. Hätte ich nicht den treuen Freund Brahms, ich wüßte nicht, wie ich es trüge! –
|4| Sie erhalten hierbei 4 rt – ich schicke Ihnen unfrankirt, dann geht es wohl eben auf. Herzlich danke ich für Alles.
Wollen Sie Pfretschner freundlich grüßen! es freut mich sehr, daß der Verein wieder in’s Leben getreten ist. Wasielewski ist jetzt ganz nach Dresden gezogen, der wäre auch ein so [?] guter Dirigent (glaube ich) gewesen. Nun, Pfretschner ist’s wohl auch?
Für mich bei’m König thuen Sie nichts, so etwas hätte sich erge¬ben müssen, ohne mein Wissen; die Freunde, Bendemanns, Carus u. A. hätten’s von selbst thuen müssen, ohne erst mich zu fragen. Also, bitte, lassen Sie’s ruhen. Gern gäbe ich in Dresden einmal Concert, wenn Je¬mand nicht da wäre, aber so kann ich mich nicht entschließen.
Nun muß ich mich trennen, es lastet jetzt zu viel auf mir. Schreiben Sie mir bis zum 8ten, so lange bin ich noch hier.
Von ganzem Herzen
Ihre
Clara Schumann
Wie geht’s mit den Augen?
Sollte es durchaus nicht gehen, daß Sie Septbr kämen so würde sich Frau Deichmann auch bis Octbr. gedulden.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Lindeman, Marie von (2605)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
1210-1213

  Standort/Quelle:*) D-Dl, s: Mscr. Dresd. App. 16, Nr. 35
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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