25.02.2022

Briefe



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ID: 14100
Geschrieben am: Freitag 16.11.1860
 

Berlin, den 16. November 1860.
Wie gern hätte ich dem Bargheer für Dich, mein lieber Johannes, einen langen Brief mitgegeben, ich bin aber so beschäftigt hier, in Wahrheit gehetzt, daß ich kaum die zu meinen Konzerten nötigste Korrespondenz zu erledigen weiß, und Du weißt, Dir kann ich nur schreiben, wenn ich ein ruhiges Stündchen vor mir habe. Gedanken an Dich begleiteten Bargheer viele, doch, zur Aussprache kann diese ein anderer ja nie bringen! – Dank für Deinen Brief, der mich recht trüber Stimmung entriß, und so schön, gerade am Konzerttag-Morgen kam. –
Von Bargheer kann ich Dir nur Gutes sagen, er hat vortrefflich gespielt, und mit einem Mute, den ich bewunderte. Er hat allgemein den besten Eindruck gemacht . . . . . Leider ist die Zeit so ungünstig, der Konzerte solch eine Masse, daß die meinen, obgleich sie zu den besuchtesten gehören, doch nur besetzt zu nennen sind. Das ist aber sehr schlimm für mich, denn ich brauche Geld, und opfere hier nicht nur Kräfte, sondern auch Zeit. Doch nun muß ich durch. – Bargheer hat einen schönen Ton, oft an Joachim erinnernd, aber Energie und Charakter fehlt seinem Spiele noch – er spielte noch eines wie das andere. Ich denke, viel öffentlich Spielen wird ihm nutzen. Er wird Dir wohl erzählt haben, wie betrübt ich bin, auch hier auf Hindernisse mit Deinen Harfenliedern zu stoßen, die ich, wäre ich ein Mann, wohl beseitigen könnte, als Frau aber nicht. Als Mann lüde ich einfach die Damen ein und studierte die Sache ein, so aber, da Stern sagt, er könne jetzt nicht . . . . . so muß ich es aufgeben. Aus beifolgenden Zeilen siehst Du, daß ich noch einmal Stern bat, mir seine Damen zu verschaffen, und Radecke bitten wollte, zu dirigieren, er aber nicht darauf eingeht. Die Hauptsache aber, glaube ich, ist die, er will sie lieber bei sich aufführen, und so mußte ich ihm versprechen, ihm später die Stimmen wieder zu schicken – vielleicht hast Du auch bald die gedruckte Partitur usw.? Er will sie im Dezember singen lassen in einem Konzerte seines Vereins.
Die ganze Sache hat mich sehr verstimmt, und wahrhaftig, man sollte sich nie zu sehr auf etwas freuen, seit Monaten hat mich die Hoffnung angenehm beschäftigt, jetzt scheitert alles an Pedanterie, Egoismus.
Nun, es kommen doch hin und wieder auch Freuden, das ist ein Glück! Du weißt, daß das Konzert mit Deiner Serenade auf den 26. November verschoben ist – ich sie also nun hoffentlich höre. Wie gern ich Dir zureden möchte, auch hinzukommen, so wünschte ich doch vielmehr, Du ignoriertest für eine Zeitlang alle Aufführungen Deiner Werke in Leipzig, nicht aus Rache etwa, sondern nur im Gefühle Deiner selbst.
. . . . . Die Papiere sende ich Dir nächster Tage – kann ich Dir denn keines wieder kaufen? Ich habe doch recht verstanden, 200 für Fritz und 100 für Elise?
Ungarische Melodien fand ich nicht mehr, als ich Dir schickte. Schubert lasse doch von Deiner Schwester mit einem Umschlag versehen – Du weißt, ich schone hübsche Einbände gern, übrigens wüßte ich nicht, wem lieber ich das Buch ließe als Dir.
Ich gebe meine 3. Soiree nun am 21., reise den 24. nach Leipzig – hoffe aber noch auf Brief von Dir hier.
So sei mir denn recht innig gegrüßt, mein teurer Freund, und schreibe bald
Deiner getreuen
Clara.
Marie grüßt.
Den Deinigen alles Liebe und Schöne! –
. . . . . . . . .

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
Empfangsort: Hamburg
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 3
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Johannes Brahms und seinen Eltern / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-014-8
734ff.

  Standort/Quelle:*)
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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