25.02.2022

Briefe



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ID: 14364
Geschrieben am: Sonntag 31.07.1892
 

Interlaken d. 31 July 1892
Pension Ober.
Liebe Marie,
wie herzlich erfreut hat mich Ihr lieber Brief – im Zeichen Ihres Wohl¬befindens, und Ihres Gedenkens meiner. – Ich kann leider nicht so aus¬führlich schreiben, wie ich möchte meines Armleidens halber, aber, ich will Ihnen in Kürze unser Leben das letzte Jahr beschreiben, was freilich nicht erfreulich <ist> war, denn, schwere Prüfungen hatte ich wieder |2| durchzumachen! im Herbst bekam ich (am 2 Septbr) plötzlich ein nervö¬ses Kopfleiden, was darin bestand, daß ich Tag und Nacht volle Orchester-Musik unausgesetzt hörte, und dies dauert noch immer fort, nur kommen Stunden wo ich es ferner höre. Das ist eine schwere Prüfung, die Aerzte erklären es für nervös, u. glauben es werde plötzlich mal wieder fort sein, an dieser Hoffnung halte ich fest. Denken Sie aber, daß ich nun über ein Jahr schon keine Musik hören kann, weil ich Alles falsch höre! es scheint aber doch, daß die gute Luft auch auf das Leiden verringernd wirkt. Au¬ßer diesem hatte ich das Mißgeschick, gerade am 1ten Jan. einen schweren Fall über |3| einen Teppich zu thun; zum Glück war nichts verletzt, aber ich mußte den ganzen Jan. fast immer liegen, bis am 2 Febr. eine ernste Lungen-Entzündung mich vollständig aufs Krankenlager warf. Meine ar¬men Töchter haben viele Sorge um mich ausgehalten – Sie können sich wohl denken, mit welcher Aufopferung sie mich gepflegt haben. Leider wurde Eugenie, in Folge dieser schweren Zeit sehr krank sie war schon den ganzen leidend gewesen, mußte im April nach Italien, wo es ihr nun viel besser wieder geht. Ich und Marie sind seit 2 Monaten zu meiner Erholung hier, und ich kann Gott sei Dank, sagen, daß ich mich körperlich bedeutend gekräftigt habe, und mit neuem Lebensmuthe dem nächsten Winter entgegensehe. – Meine Stellung |4| am Hochschen Conservatoir mußte ich allerdings aufgeben, aber nicht künstlerischer Verhältnisse hal¬ber, sondern weil bei so schwankender Gesundheit, wie ich jetzt habe, ich keine Verantwortung an einer Schule übernehmen kann. Die Schüler kommen meist von fern her, und die Sorge, meinen Verpflichtungen nicht nachzukommen, würde mich in die peinlichste Unruhe versetzen. Den¬ken Sie, daß ich im vorigen Winter keine Stunde geben konnte – das war entsetzlich für mich. Meine Töchter wollte ich nicht an der Schule lassen, wenn ich nicht selbst dabei; ich hatte meine wohl gerechtfertigten Gründe dafür. |5| Marie wird nun eine selbständige Klasse haben, ihre u. Euge¬niens Schüler, auch meine zum Theil, baten dringend den Unterricht bei ihnen fortsetzen zu können. Eugenie geht wahrscheinlich nach England (London) dort zu unterrichten, ich und Marie bleiben in Frkf. Ich lege Ihnen einen Prospect bei, er ist nur in Englisch, weil < > die Engländer solche immer haben wollen – die Deutschen fragen weniger darnach, ich hatte auch meine Gründe dafür, daß Marie ihre Klasse in Deutschland die¬sen Winter nicht annoncire, wer es erfahren will, erfährt es doch. Sie sehen daraus, daß ich |6| etwas Unterricht zu geben gesonnen bin, das hängt dann aber von mir ab, ich bin durch keine Stellung gebunden. Meine Töchter waren sehr fleißig im Unterrichten die vergangenen Jahre – sie müssen ihr Talent verwerthen, denn unsere Sorge für Ferdinands Familie ist groß, Sie wissen er starb vorigen Sommer, u. schon seit Jahren habe ich seine große Familie, Frau mit 6 Kindern zu erhalten und zu erziehen. Das ist schwer, und trübt mir sehr mein Alter, das ich sorgenfrei zu beschlie¬ßen gehofft hatte.
Leben Sie wohl, liebe Marie, der Himmel ┌erhalte┐ Sie rüstig, und Ihre liebe Freundin dazu, die ich herzlichst grüße. Es ist mir immer eine Freude von Ihnen zu hören, das seyn Sie überzeugt von Ihrer altergebenen
Clara Schumann
Marie grüßt freundlichst.
Von Ihnen wieder ein ┌Geistes-┐ Product zu erhalten freut mich sehr.
[Briefumschlag]
Fraeulein
Marie v. Lindemann
┌4/8 ndrh. Externstein
Horn┐<Dresden.>
┌in Lippe┐<Ostra-Allee 23 II>
[Rückseite:]
Adreßatin Z. Z. Externstein
bei Horn in Lippe
Hamisch [?]

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Interlaken
  Empfänger: Lindeman, Marie von (2605)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
1271-1274

  Standort/Quelle:*) D-Dl, s: Mscr. Dresd. App. 16, Nr. 59
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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