05.01.2022

Briefe



Rückwärts
	
ID: 14374
Geschrieben am: Montag 08.09.1851
 

Düsseldorf d. <9>8 Septbr 1851
Drei große Briefe von Ihnen liegen vor mir, und doppelt fühle ich jetzt meine Schuld gegen Sie, meine liebe Marie! doch an mir lag es wahrlich nicht, daß ich Ihnen nicht eher schrieb, denn 5 Wochen waren wir auf Reisen, und dann war wieder meine Mutter beinah 14 Tage bei mir, wo ich natürlich all meine Zeit nur ihr widmete. Sie erhalten nun heute eine Sendung, die fast zu einem Ballen angeschwollen ist, zürnen Sie mir ja nicht deshalb! ich weiß nicht wie es kommt, daß so Vieles sich aufgehäuft hat. Sie finden inliegend auf einem Zeddel die genaue Angabe jedes Stü¬ckes und zugleich bemerkt, wo es hin soll; ist dann Alles fertig, so senden Sie mir nur gleich die Rechnungen, und Sie erhalten dann sofort das Geld. Absichtlich erwähne ich die Geschäffte gleich auf der ersten Seite meines Briefes, dann bin ich dieß los, und kann mit Ihnen plaudern, was mir nun eben in den Sinn kömmt.
|2| Fürerst muß ich Ihnen nun doch erzählen, daß wir in der französi¬schen Schweitz waren. Erst wollten wir nur nach Baden, da war es aber so schön, daß wir, die wir dann doch einmal schwache Menschen sind wie Andere auch, noch mehr des Schönen haben wollten und immer weiter reisten, bis wir an den herrlichen Genfer See kamen. Ach, Marie, Ihnen das beschreiben zu wollen, den See mit seiner kristallblauen Farbe, seinen herrlichen zauberischen Ufern, wäre unmöglich! man muß selbst diese Natur sehen, man muß sich versenken mit seinem ganzen Ich in diese Zauberwelt, um empfinden zu können, wie wir empfunden haben! es ist doch eine schöne Welt! das habe ich vielmals ausgerufen. Mein Mann war ganz beglückt durch meine große Freude über Alles, und nur das schlechte Wetter, das plötzlich einen dauernden Character annahm, trieb uns zu¬rück, sonst hätte er mir auch noch Etwas von der deutschen Schweitz gezeigt. Wir waren in Basel, Neufschatel, Lausanne, Genf, Chamonny, wo wir 2 Tage den Montblanc in voller Glorie vor uns sahen, den Montanver bestiegen, die Gletscher sahen, dann wieder in |3| Genf, von da nach Vevey, der himmlischste aller Orte, Freiburg, <und> Bern und über Basel wieder zurück. Nur noch einmal in diesem Leben nach Vevey – das ist meine Sehnsucht! –
Als wir von dieser Reise zurückgekehrt reisten wir gleich wieder nach Antwerpen und Brüssel! in ersterer Stadt war ein Sängerfest, zu dem mein Mann als Preisrichter eingeladen war; so nahe an Brüssel konnten wir uns nicht versagen, auch Dieses kennen zu lernen und bereueten es <ist> nicht! welch interressante Städte sind das! doch, ich kann Ihnen nicht, wie ich es wohl thäte, säßen Sie an meiner Seite, Alles erzählen, denn Bogen bedürfte es dazu, auf die es mir auch nicht ankäme, hätte ich Zeit dazu; es haben sich viele Briefe gefunden, deren Beantwortung ich schuldig blieb, und an die ich nun durchaus gehen muß.
Die arme Frl. Leser ist jetzt in einer kalt Wasser-Anstalt, um sich dort etwas abzuhärten, denn die vielen warmen Bäder, die sie ihrer Augen we¬gen genommen, haben sie schrecklich verweichlicht. Wie dankbar bin ich Ihnen, liebe Marie, daß Sie Sich so freundlich |4| für Dieselbe interressirt haben, ich wünschte nur, ich könnte ihr etwas Vertrauen für Paul einflö¬ßen! ich kann nicht begreifen, wie man ein Mittel unversucht lassen kann, wenn man doch pecuniär so gestellt ist, daß man Alles für sich thuen kann! – Nun, vielleicht entschließt sie sich doch noch zu dieser Cur, – ganz ohne Hoffnung würde ich sie nicht ziehen sehen, eben darum, weil ihr Augenübel kein angeborenes, also kein organisches ist, sondern eben nur durch böse Umstände herbei geführt. So habe ich auch für Sie, meine liebe Marie, die beste Hoffnung, und bitte Sie, schreiben Sie mir ja immer genau, wie es Ihnen geht! –
Daß Sie fleißig spielen, freuete mich sehr aus Ihren Briefen zu er¬sehen. Mit der Wahl der Stücke hat man aber gar große Schwierigkeiten jetzt, denn es giebt doch gar zu wenig des Neuen, ist man also immer auf die älteren Werke angewiesen. Wenn <s>Sie Sich die Chopin’schen und Henselt’schen Sachen durchsehen, da werden Sie noch Manches finden zum studieren! in dem dritten und vierten Hefte der Etüden von Chopin ist auch noch Einiges für Sie, so giebt es auch verschiedene Sachen von Bennett und Heller, |5| die Sie auch durchsehen können! Von Men¬delssohn giebt es auch Vieles noch, was Sie nicht gespielt, auch neue Lie¬der ohne Worte! haben Sie nicht versucht einige Trio’s von Beethoven, Mozart ect. mit Begleitung zu spielen? das sollten Sie doch auch einmal thuen, dieß ist die beste Uebung, die Sie haben können. Schade, daß Wa¬sielewsky nicht in Dresden bleibt, der hätte gewiß gern manchmal mit Ihnen gespielt. Wahrscheinlich kommt er wieder hierher, was uns sehr freuen würde! –
Schubert’s Idee, daß ich zu Soireen nach Dresden kommen werde, hat mich lachen gemacht! nein, daran wäre wahrhaftig nicht zu denken, da stehen mir noch andere Orte offen, wenn ich Concerte geben will, als Dresden. Es wundert mich sehr, daß er sich mit meiner Schwester nicht vereinigt! Sie wissen wohl, daß Dieselbe in Baden war, leider aber sehr we¬nig gemacht hat, obgleich sie viel Freunde fand! erst mußte sie ihr Concert immer und immer verschieben bis dann die Ueberschwemmung kam, wo sie ein leeres Concert machte, was mir gestern ein Herr aus Baden, der im Concerte war, erzählte. Es hat mir dieß wahrhaft leid gethan, denn bis jetzt hat ihr das Glück nirgends wohl gewollt, obgleich wohl der Va¬ter selbst viel Schuld trägt, insofern er zu gewaltiges |6| Juchhei von ihr macht, und dadurch seine eigenen ┌Erwartungen┐, sowie die des Publi¬cums immer höher steigert. (Dieß entre nous!)
Die Schroder hoffe ich in 8–14 Tagen hier bei mir zu sehen, Preussers aus Leipzig haben sie in Ems gesehen, und ihnen hat sie aufgetragen mir ihren Besuch anzumelden. Ich freue mich gar sehr darauf. Sie kömmt mit ihrem Manne, auch nach Dresden geht ┌sie┐ aber nicht, um dort zu bleiben, sondern um Einiges zu ordnen und dann den Winter in Paris zu verleben.
Ich muß Ihnen nun aber Adieu sagen! bei uns ist Alles wohl, auch mir geht es ganz leidlich. Es interressirt Sie vielleicht zu hören, daß ich Marie und Elise jetzt selbst unterrichte, und mich entschädigt finde für die große<n> Mühe und Geduldsprobe durch ihre Fortschritte, obgleich sie immer angetrieben sein wollen. Sie hatten keinen Respect vor anderen Lehrern, doch mit mir, wissen Sie wohl, ist nicht spaßen! –
Emilie grüßen sie freundlich – ich schreibe ihr nächstens – heute kann ich nicht, denn noch muß ich an die Bendemann schreiben, an die ich einen Auftrag habe. Wollen Sie gefälligst den einliegenden Brief bal¬digst an sie befördern? – Wegen meiner Sachen wäre es vielleicht gut, Sie setzten den Wäscherinnen einen Termin von etwa 14 Tagen.
Gern hätte ich Dieselben bis Ende Septbr. zurück. – Nun 1 000 Dank, meine liebe Marie. Grüße an Alle, die uns noch ein wenig lieb ha¬ben – vor Allem Ihnen die Herzlichsten
von
Ihrer Clara Schumann.
NB. Ist es denn wahr, daß in Sachsen die Kindergärten verboten sind? welch ein Unglück wäre das für die armen Familien, die ja sogleich um ihr Verdienst kommen! – Was fangen da Frankenberg’s an? schreiben Sie mir etwas davon.
Ich habe doch noch an Emilie geschrieben; bitte besorgen Sie auch die¬sen Brief gefälligst.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Lindeman, Marie von (2605)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
1127-1132

  Standort/Quelle:*) D-Dl, s: Mscr. Dresd. App. 16, Nr. 8
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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