05.01.2022

Briefe



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ID: 14377
Geschrieben am: Sonntag 28.12.1851
 

Düsseldorf d. 28 Dec. 1851
Liebste Marie,
nur wenige Zeilen heute! Sie müssen jetzt für eine kleine Zeit Geduld ha¬ben, denn ich habe entsetzlich viel zu schreiben, und kann ich erst wieder ganz ordentlich, so muß ich fleißig im Clavier sein, denn 8 Monate habe ich keine halbe Stunde was man sagt, studiert. Heute also nur meinen herzlichsten Dank für Ihren lieben Brief und die Sendung, für die hierbei meine Schuld folgt. 1 rt 5 ngr die Thieme, 28 ngr Müller und 1 rt Mac¬caronenkuchen, das macht in Summa 3 rt 3 ngr; nun fehlte aber die Rech¬nung von der Heflen, um die ich gelegentlich bitte. Die Sachen waren meist Alle gut vorgerichtet – die Thieme und Heflen machen ihre Sache immer am besten. Die Schachteln schicke ich nächstens einmal, wenn ich wieder eine Parthie beisammen habe.
Bei uns geht, Gott sei Dank, Alles wohl; die Kleine ist ein prächtiges Kind! sie hat ein gar liebliches, wohlgebildetes Gesicht – Jeder, der sie sieht, freut sich, und meint, das Kind sey wenigstens 2 Monate alt.
|2| Das Weihnachtsfest haben wir sehr heiter verlebt, und mein Robert hat mich hoch erfreut durch eine neue Ouvertüre zu Hermann und Doro¬thea, von deren Entstehen ich keine Ahnung hatte. Schöner ist wohl keine Frau beschenkt worden als ich – überhaupt, giebt es wohl Keine reicher als ich! –
Wie haben Sie wohl den Festabend verbracht? ich kann es mir nicht recht denken. Doch nicht allein zu Haus?
Von meiner Schwester erhielt ich vor einigen Tagen Brief – sie schreibt sehr zufrieden, ich glaube aber, Sie haben Recht in Ihrem Urtheile, ich kann mir so gut denken, wie sie gespielt hat – technisch vor¬trefflich, aber Geist hatte sie nie, das hätte sich doch hier oder da einmal gezeigt! Ueberhaupt aber kommt man doch mit der Reife des Alters erst recht zu einer Erkenntniß der Kunst und ihrer tiefsten Bedeutung! im Zusammenleben mit bedeutenden Künstlern, in langem Studium des Bes¬ten in der Musik, lernt man erst die hohe Weihe dieser herrlichen Kunst empfinden. Recht |3| lächerlich kommt es mir daher auch immer vor, wenn mein Vater <> äußert, meine Schwester übertreffe mich noch bei weitem wie soll ein junges Mädchen von 18 Jahren empfinden wie eine Frau von beinah noch einmal so alt; oder vielmehr wollte ich sagen, ver¬stehen was sie spielt? Technik kann sie vielleicht mehr haben, doch ihrer körperlichen jugendlichen Krafft setze ich meine geistige entgegen, und Gott sei Dank, habe ich auch noch, trotz meiner sieben Kinder, kör¬perliche Krafft genug, und mit der Technik geht’s auch noch so ziemlich.
Doch für jetzt genug! nehmen Sie, meine liebe Marie, noch meine innigsten Wünsche für Ihr Wohlergehen im neuen Jahre, und erhalten Sie Ihre Liebe und Theilnahme
Ihrer
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Lindeman, Marie von (2605)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
1139 f.

  Standort/Quelle:*) D-Dl, s: Mscr. Dresd. App. 16, Nr. 12
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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