05.01.2022

Briefe



Rückwärts
	
ID: 14378
Geschrieben am: Mittwoch 07.04.1852
 

Düsseldorf d. 7 April 1852
Meine liebe Marie,
längst schon hätte ich Ihnen geschrieben, es war aber nicht möglich, denn ich hatte entsetzlich viel zu thuen, und nun kömmt in wenig Tagen noch ein Umzug, das Schrecklichste aller häuslichen Uebel! Sie wissen, unser Hauswirth hat plötzlich sein Haus verkauft, und nun müssen wir heraus; in der Noth mußten wir nun ein zwar sehr hübsches, aber sehr entfernt gelegenes Logie nehmen, was uns den Verkehr mit der Stadt einigermaßen erschweren wird. Nun aber auf Das zu kommen, was Ihnen und auch mir recht auf dem Herzen liegt, Ihr Hierherkommen betreffend, so gestehe ich Ihnen, daß ich trotz allen Nachdenkens zu keinem recht günstigen Resultate kommen kann. Ich war bei einigen Schülern der Frl. Düpré, doch hatten Dieselben bereits andere Lehrer genommen, und nur eine Stunde |2| die Frl. Düpré für 10 Neugroschen gab, könnte ich Ihnen vor der Hand sichern. Das ist mir doch eine gar zu mißliche Aussicht! damit ist freilich aber nicht gesagt, daß Sie nicht in einem halben Jahre vielleicht viel Schüler haben, es kann aber auch, da jetzt der Sommer vor der Thür, die Leute meist Alle verreisen, länger dauern, und da ist denn doch im¬mer die Hauptfrage, haben Sie Mittel genug ein Jahr (oder vielleicht auch nicht so lang, doch man muß immer das weniger Günstige annehmen) Ihre Existens ohne Schüler zu fristen? und ist es auch klug eine gesicherte Stellung gegen eine unsichere zu vertauschen? liebste Marie, erwägen Sie das reiflich! daß mir Ihr Kommen nur eine Freude sein würde, und ich gewiß zu Ihrem Fortkommen thuen würde, was ich kann, wissen Sie ei¬gentlich, ohne daß ich es sage, doch, wie gesagt, die Sache |3| ist wichtig, und gewiß ist, daß Sie hier nicht nur nach Ihres Herzens-Neigung handeln dürfen, sondern auch Ihren Verstand und den Rath irgend Eines Ihnen in der Heimath nahe stehenden Freundes zu Hülfe nehmen müssen.
Daß wir in Leipzig kein Stündchen fanden, wo Sie mir vorspielen konnten, hat mir unendlich leid gethan, doch, Sie sehen wohl Selbst, wie ich immer wahrhaft gehetzt war. Und doch, können Sie glauben, daß mir die plötzliche Ruhe zu Haus, im Anfang gar nicht wohl that? ich hatte wohl viel zu thuen, aber andere Dinge als in Leipzig, und ich fühle mich doch eigentlich erst recht in meinem Elemente wenn ich recht tüchtig musicieren kann. Meine Kinder traf ich ganz munter – sie waren sehr ver¬gnügt uns wieder zu haben. Um 4 Uhr an dem Montage unserer Abreise dachte ich recht viel an Sie und alle die Anderen, |4| die theils abreisten, theils sich zur Abreise rüsteten. Unsere Reise war angenehm, aber doch recht ermüdend. Meine Zahnschmerzen sind weg, d. h. der böse Zahn ist heraus! ich faßte plötzlich in einer bösen Stunde wieder den heroischen Entschluß ihn gänzlich zu beseitigen und führte ihn sogleich aus. Jetzt bin ich nun so ziemlich frei, obgleich das Rheuma noch immer munkelt.
Nun kommen aber noch einige Bitten, liebste Marie. Wollen Sie Schink sagen, daß er sich doch erst erkundigen möge, ob meines Mannes Bescheinigung gesetzlich bestädtigt sein muß? oder ob seine Unterschrift und Siegel hinreicht? ich glaube nicht daß Letzteres der Fall ist, denn da könnte ja ein Jeder Etwas der Art schreiben, und sich das Geld auszah¬len lassen; dann möchte mein Mann auch wissen, wie man diese Behörde nennt? Bitte, befragen Sie Schink genau darüber, und schreiben es mir dann bald.
Inliegenden Brief haben Sie doch die Gefälligkeit an Frau Reinick zu besorgen, sie wohnt mit Bendemann’s in einem Hause, da ich jedoch nicht weiß, ob sie noch in Dresden ist, so bitte ich Sie ihn Selbst zu be¬sorgen und, falls sie nicht mehr da ist, an Frau Bendemann zu übergeben.
Für Ihre reizenden Gedichte, liebe Marie meinen schönsten Dank, ich verdiene aber Ihre übergroße Verehrung nicht – ich kenne meine gu¬ten, aber auch meine schlechten Seiten.
Schließlich seyen Sie noch recht herzlich umarmt, und schreiben Sie mir bald, welches die Resultate Ihrer Ueberlegung sind. Es thut mir recht von ganzer Seele weh, daß ich Ihnen gar keine Aussicht eröffnen kann, doch hielt ich es für ein Unrecht, Sie zu Etwas zu bereden, was doch viel¬leicht zu Ihrem Nachtheile sein könnte.
Ihre getreue
Cl. Sch.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Lindeman, Marie von (2605)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
1145-1147

  Standort/Quelle:*) D-Dl, s: Mscr. Dresd. App. 16, Nr. 14
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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