05.01.2022

Briefe



Rückwärts
	
ID: 14380
Geschrieben am: Mittwoch 05.05.1852
 

Düsseldorf d. 5 Mai 1852
Liebste Marie,
obgleich ich heute noch das Es dur Concert von Beethoven probieren muß, folglich nichts weniger als Schreiben sollte, so benutze ich doch ein freies halbes Stündchen, einige Wörtchen mit Ihnen zu plaudern. Ich habe Ihnen noch Ihren letzten Brief zu beantworten, und es soll<te> mich wahrhaft freuen, wenn meine heutigen Zeilen Sie nicht betrüben, wie meine letzten. Aber um gleich auf Ihren Plan wegen einer Stellung zu kommen, so wäre die am Ende unter solchen Bedingungen wie Sie sie stel¬len zu erreichen; doch wäre meine Ansicht die, daß, wollen Sie Sich einmal aus Ihrer jetzigen Stellung herausreißen, Sie lieber erst einen Versuch mit Stunden geben machen, geht das nicht, so bleibt Ihnen das Andere noch immer. Zwei Schülerinnen hätte ich für Sie, und hoffe Ihnen auch noch Eine in den nächsten Tagen zu verschaffen, zu Der ich aber |2| erst noch hingehen muß, was mir bis jetzt unmöglich war; freilich aber, wie lange sie warten, daß [sic] weiß ich nicht; bis Herbst glaube ich jedoch keinesfalls, dann aber, könnten Sie wirklich jetzt noch nicht kommen, würden sich am Ende wohl auch wieder Andere finden. Sie wundern Sich vielleicht, daß ich Ihnen heute nicht mehr abrede, doch, liebste Marie, ich habe Ihnen ja gesagt, was ich darüber denke, offen wie ich es Ihnen schuldig zu sein glaubte, fürchten Sie nun aber einmal Alles Dieß nicht, und meinen Sie, es könne zu Ihrem Glücke beitragen, so soll es an meinem guten Willen, Ihnen beizustehen, keinen Augenblick fehlen, und so theilen Sie mir recht bald mit, was Sie zu thuen denken, und was ich weiter für Sie thuen kann.
Bei uns geht Alles gut, aber böse Zeit haben wir gehabt, wir sind um¬gezogen, haben unser wunderschönes |3| Logie verlassen müssen, und waren besonders im Anfang gar nicht zufrieden im Neuen; denken Sie neben meines Mannes Stube wurde auf einmal Finger-Uebungen gespielt, so daß wir im Logie selbst wieder umziehen mußten, und außerdem noch tausenderlei Unannehmlichkeiten hatten. Es waren böse Tage, und kön¬nen wir nicht noch eine Umänderung mit unseren Instrumenten machen, der Art, daß wir einander nicht hören, so müssen wir in kurzer Zeit wieder ausziehen. Bitte, sprechen Sie darüber nicht, denn ein Wort, daß dem Va¬ter zu Ohren kömmt, und eine große unerhörte Geschichte ist fertig, zu¬letzt liegen wir mit all unseren Kindern auf den Gassen zu Düsseldorf! –
Von meiner Schwester Marie hatte ich Brief, sie will mich diesen Sommer besuchen. Wollen Sie ihr wohl inliegende Zeilen zukommen las¬sen? |4| Meine letzte Sendung an Schink haben Sie wohl erhalten? das Tuch ist wieder schön geworden, Sie schrieben mir aber nicht, was Sie ausgelegt. Hüte brauche ich jetzt noch nicht für die Mädchen, die vorjährigen müssen noch herhalten. Wir haben Morgen meines Mannes Concert, das Programm ist Folgendes: Symphonie B dur von meinem Manne, Arie aus Faust (Frl. Schloss) Concert Es dur von Beethoven (ich) – Zweiter Theil: Ouvertüre zur Braut von Messina (von meinem Manne) Variationen Op. 83 von Mendelssohn (ich) und „der Königssohn“ Ballade für Chor, Soli’s und Orchester von meinem Manne, Gedicht von Uhland. Wie herrlich diese Ballade ist (wir hatten gestern schon eine Probe) kann ich Ihnen gar nicht sagen, es ist aber wahrhaft zauberische Musik, von der aller großartigsten Wirkung! –
Heute hatte ich Brief von Jenny Goldschmidt-Lind aus Amerika – sie scheint glücklich zu sein. Am 29ten d. M. reist sie von Amerika nach Europa ab, nachdem sie noch 3 Abschiedsconcerte in New York gege¬ben.
|5| D.8 Mai.
Noch wenige <> Worte heute. Das Concert war herrlich! wollte ich Ihnen Alles das Herrliche von meinem Manne detaillieren, ich brauchte noch einen Bogen. Das Publikum war sehr enthusiastisch, wie sie es hier überhaupt im Stande sind zu werden, denn kaum mag man wohl ein käl¬teres Publikum in Deutschland finden; sie wissen überhaupt nicht, was sie an meinem Manne haben, und haben es von früheren Dirigenten, Men¬delssohn, Rietz, Hiller, eben so wenig gewußt. Die erste Gelegenheit, die sich uns bietet, und wir verlassen Düsseldorf; doch vor der Hand ist dazu noch keine Aussicht, daher schweigen Sie ganz darüber.
So leben Sie denn heute wohl, schreiben Sie mir recht bald wieder, die ich bin
in aller Freundschaft
Ihre
Clara Schumann.
[Umschlag:]
Fräulein
Fräulein
Marie von Lindemann
in
Dresden
Am See
Nro 23(a)
1ster Stock.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Lindeman, Marie von (2605)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
1148-1152

  Standort/Quelle:*) D-Dl, s: Mscr. Dresd. App. 16, Nr. 16
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.