19.12.2019

Briefe



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ID: 17317 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 21.10.1858
 

Donnerstag.

Liebe Frau Schumann

Ich habe mich neulich im Quartett, wo ich schon erkältet war, so erregt und erhitzt, daß ich Fieber und Kopfweh, also eine Art Grippe, bekam und sogar das Bett hüten mußte. Jetzt ist’s gut. An der Wiener Geschichte bin ich dies mal wirklich total unschuldig. Sobald ich hier angelangt war hatte mir Platen den Urlaub so gut wie zugesagt, nur der Form wegen mußte es noch an den König. Ich hatte nun sehr damit gedrängt, aber Platen wurde Sr Majestät nie habhaft. Auch hatte ich immer darauf gerechnet den K. einmal selbst zu sprechen – denn ich war eigends in Herrenhausen, Seinem Landsitz, gewesen, um mich zu melden. Ich muß in Ungnade gefallen sein! Jedenfalls hat es das Gute, daß ich mein Herz nun dem König gegenüber nicht mehr gefesselt fühle, und also meine Stellung bald quittire. Daß ich <es> nicht auf den Fleck hin um meinen Abschied einkomme, geschieht weil ich nicht aus Rache die Leute eben vor Anfang der Concerte in Stich lassen will. Anfangs Januar aber will ich ganz einfach an Pl. schreiben, daß ich meinen Kontrakt nach 3 Monaten für erloschen betrachte! Also im April bin ich erst frei; dann müssen wir aber nach London, nicht nach Wien. Da<> muß man ein paar Monate dazu haben, Pesth mitgerechnet. Es ist wirklich zu tyrannisch, die ganze Zeit wo ich hier bin kümmert man sich nicht um mich, und bloß weil die Großfürstin vielleicht bei ihrer Ankunft einmal einen Musikabend wünscht soll ich eine Reise aufgeben, die meine Concerte in Hannover nicht gestört haben würde. – – Das zweite Quartett wird Sonnabend über 8 Tage sein; Program: Mend. (E mol); Schuman (F dur), Beethoven (Cis mol). Bitte, schreiben Sie jedenfalls vorher wenn Sie kommen, vielleicht ist wieder eine Orchester-Probe. Wegen Concerten sprechen wir dann – jetzt ist’s zu <spät> kurze Zeit noch nach Wien zu fahren. Ach Gott, ich habe Ihnen noch nicht einmal gesagt, es ist nicht der Mann meiner Schwester Josephine der gestorben. Ich danke für Ihre liebevolle Theilnahme, und auch daß Sie gar nicht wetterten wegen Wien, sondern so gut und warm schrieben. Meine herzliche Freude über die schönen Erfolge. Wie lieb ist mir
der Beifall für Johannes Stücke!
Immer der Ihrige J. J.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
Absendeort: Hannover
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
Empfangsort: Düsseldorf
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
423ff
 



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