19.12.2019

Briefe



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ID: 17360 Brieftext


Geschrieben am: Montag 14.10.1861
 

Verehrte Freundin

Der junge Spohr ist mir in Ihrer Wohnung durch Laub vorgestellt worden, der große Stücke von ihm hält. Er spielt technisch vortrefflich, und es ist nur ein Jammer, daß der arme junge Mensch durch sein kränkliches, verwachsenes Äußere einen so betrübenden Eindruck hinterläßt. Wie er Stunden giebt, das kann ich freilich nicht sagen; Sie wissen ja selbst, daß man sehr gut spielen kann, ohne zum Lehren begabt zu sein, und umgekehrt! Obwohl ich nun Lixchen gar zu gern zu einem Lehrer verhelfen möchte, kann ich doch die Verantwortlichkeit eines Raths nicht übernehmen. Kennen Sie Wendt in der Bellevue-Straße? Dem traue ich eigentlich pädagogisches Geschick zu, und wenn er auch selbst nicht virtuosenmäßig spielt, so <traue> glaube ich, daß er einen kleinen Kerl auf angenehme Weise zum Spielen Lust machen und vorwärts bringen würde. Fast wäre ich dafür, es mit dem ein halbes Jahr zu versuchen. Nun komme ich aber mit einer Bitte, nämlich mir auch sobald als möglich wissen zu lassen, ob Sie am 30ten November in unserm 2ten Concert spielen könnten. Das 1te ist am 16ten Novbr, und damit Platen nicht glaubt man zahle mir meinen Gehalt umsonst, muß ich schon den Anfang machen. Wäre es Ihnen aber im 2ten Concert nicht möglich bei uns zu spielen, so hätte ich <> freilich daran einen Grund meine Leistung auf’s 2te Concert zu verlegen. Es gienge einzurichten. Platen willigte mit Freuden in den Vorschlag Sie überhaupt einzuladen. Wann gehen Sie denn nach Hamburg? Kommen Sie vielleicht zu unserem 2ten Quartett, am Sonnabend hier durch? Heute habe ich ausführlich an Johannes geschrieben, und seine Quartette wiedergeschickt, die mir noch viel Genuß gewährt haben. Ich hoffe wir hören sie bald zusammen. Was ich neulich von Unangenehmem sagte, war wohl bloß körperlich gemeint. Oder habe ich über Hannover geklagt, so ist das ein Thema was immer wieder von Zeit zu Zeit Unbehagen hervorbringt, ohne daß gerade etwas Besonderes gemeint wäre. Von Grimms habe ich bessere Nachrichten. Grüßen Sie wenn Sie hinkommen, wie auch alle Ihre lieben Kinder herzlich von Ihrem
Joseph J.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
626ff
 



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