19.12.2019

Briefe



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ID: 1738 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 13.10.1853
 

Düsseldorf, d. 13ten October 1853.

Lieber Joachim,

Sie erhalten hier das Concert; möge es Sie anmuthen! Es scheint mir leichter, als die Phantasie, auch das Orchester mehr in Thätigkeit. Es sollte mich nun sehr freuen, wenn wir es im 1sten Concerte hier hören könnten, über das ich überhaupt einige Vorschläge vorbringen will. So würden auch wir Alle bitten, statt des Mendelssohn’schen Concertes, lieber Ihr eigenes zu spielen. Nun habe ich noch einen Vorschlag; ich möchte Ihre Hamletouverture im 2ten Concerte aufführen, deshalb, weil Sie im 1ten gegenwärtig sind als Virtuos und das wie eine captatio benivolentiae [sic] aussähe (freilich nur einigen Dummköpfen) und auch deshalb, weil dann zwei Werke jüngerer Componisten, wenn sie sich auch nicht zu schämen brauchen, zu Anfangs des Concerts kämen, und uns überhaupt ein Werk eines bekannten großen Meisters noch fehlt. So würde ich mit der Egmontouverture anfangen, dann käme mein Concert, dann eine Gesangnummer, dann Ihr Concert, und im 2ten Theil die Walpurgisnacht. So rundet sich das Programm viel schöner. Geben Sie mir denn darüber recht bald Nachricht! Auch erinnere ich Sie an Ihr Versprechen, einige Ihrer neuen Compositionen mir mitzutheilen, von denen mir Brahms schon allerhand Auszüge gegeben hat. Auch ich war fleißig in der letzten Zeit; ich habe vier mährchenartige Stücke für Clarinette, Viola und Clavier gemacht, die den K. Hannöverschen Hof- und Staats-Concertmeister sehnsüchtig erharren, um gehört zu werden. Johannes scheint sehr fleißig; auch hat er seit drei Tagen seine Spielkunst zu steigern gesucht, vielleicht durch meine Frau angespornt. Wir waren gestern erstaunt, ihn zu hören; es war ein ganz anderes. Er ist im Stande, die Erde in wenigen Tagen zu umschiffen. Neulich brachte ich beim Glas Wein eine Gesundheit aus in Charadenform. Drei Sylben: die erste liebte ein Gott, die zwei andern lieben viele Leser, das Ganze lieben wir Alle; das Ganze und der Ganze soll leben. So grüßen Sie denn beide und laßen bald von sich und sich hören. In Freundschaft zugethan
R. Sch.

Ich habe angefangen, meine Gedanken über den jungen Adler zu sammeln und aufzusetzen; ich wünschte gern, ihm bei seinem ersten Flug über die Welt zur Seite zu stehen. Aber ich fürchte, es ist noch zu viel persönliche Zuneigung vorhanden, um die dunkeln und hellen Farben seines Gefieders ganz klar vor Andere zu bringen. Habe ich sie beendigt, so möchte ich sie seinem Spiel- u. Kampfgenossen, der ihn noch genauer kennt, mittheilen, was vielleicht schon in einigen Tagen sein wird.

Am 14ten.

Ich habe den Aufsatz beschloßen und leg’ ihn bei. Ich bitte mir ihn so bald als möglich zurückzusenden, auch die Partitur des Concertes, aus der noch die Stimmen zu schreiben sind.

  Absender: Schumann, Robert (14753)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
84ff
 



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