19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 17774 Brieftext


Geschrieben am: Montag 03.07.1865
 

Schloß Rumpenheim bei Frankf. a/M 3ten Juli 65.
Meine liebste Frau Schumann!
Endlich vermag ich wieder zu schreiben, Ihnen zu danken für die letzten, lieben brieflichen Nachrichten, und Ihnen vor Allem so recht von Herzen auszusprechen, wie Ihre Theilnahme uns wohlthat! – Sie, die Leid u. Kummer kennen, konnten am Beßten mit mir fühlen!! Diese Berliner Zeit war eine schwere, aber etwas ist erreicht, und nach den bangen durchlittenen Stunden, ist dies Etwas schon sehr viel! – ich danke Gott für jeden, selbst geringen, Hoffnungsstrahl und seitdem wir die Gewißheit haben, dß meinem Kleinen die schöne Aussenwelt wenigstens nicht ganz verschlossen sein wird, ist meine Seele ruhiger, in freudigem Aufblick zu Ihm, der doch immer wieder hilft! Aus solcher Prüfung gehen wirklich Erfahrungen hervor, die uns unentreißbar sind, wir bergen sie still in uns, u. die Menschen finden uns dann verändert, u. begreifen es nicht, wir aber wissen welche Hand es that, in Weisheit u. Liebe! Gern hätte ich mir beide Augen ausgeweint, u. sie dem armen Kleinen gegeben – die Operation, das Vor- u. Nachher war schrecklich, ich weiß, mit welchen Gefühlen ich das dunkele Haus betrat; – diese Schilderung sei Ihnen erspart; indeß, mein Schweigen ist beredt genug! – Nun ist das Schmerzlichste wohl überwunden, treue Fürbitten u. Wünsche halfen, und die Kunst that das ihrige u. Graefe erwarb sich, von uns, Vertrauen u. Dank, in hohem Maasse; jedenfalls wird mein liebes Sorgenkind sich wohl allein forthelfen, d. h. selber seinen Weg finden können in der Welt, was doch unendlich gewonnen ist! – die Aerzte pflegten ihn übrigens trefflich, u. hatten ihn so lieb, er sang ihnen viele Lieder, u. sie staunten, daß er meist die 2te Stimme richtig intonirte! Seine rosigen Wangen, (die nach dem Chloroform geschwunden waren,) kehren auch zurück u. er bewegt sich viel im Garten, der schattig u. kühl ist, in Gesellschaft seiner kleinen Schwester. Am 1 Juni legte ich, gleich Ihnen, u. manchen anderen Müttern, die Resignationsprobe ab den ältesten Sohn auf die Schule zu geben, was ein bitterer, aber sicherlich segensreicher Entschluß war; Willy befindet sich am Blochmann’schen Gymnasium zu Dresden, als Unter Quintaner. Seine Briefe lauten bis jetzt, Gott sei Dank, fröhlich u. gut; möge doch mein Hoffen gekrönt und er einst ein tüchtiger, nützlicher Mensch werden; dies zu erzielen darf ja einer Mutter kein Opfer zu groß sein! doch konnten es Manche erst garnicht fassen, daß jene feste Grundlage der Erziehung u. des Wißens doch eben nur im öffentlichen Unterricht zu finden sei, und erschwerten mir’s in jeder Weise. Ich aber siegte, denn ich wünschte für meinen Sohn Selbsterkenntniss, u. sie erlangt man doch zunächst durch wahrhaft menschliche, von allen Vorurtheilen möglichst freie Bildung! –
Da habe ich denn 4 Seiten glücklich mit Betrachtung über meine Kinder ausgefüllt, statt statt von Gescheidterem zu reden! Liebe, liebe Frau Schumann! den ganzen „wunderschönen Monat Mai wo alle Knospen sprangen,“ saß ich im dumpfigen Berliner Schloß, mit 2 Schildwachen vor jeder Thür; – das war auch nicht geeignet, zur Erheiterung u. Genesung! Jetzt bin ich hier ganz froh, unter zahlreichen Verwandten, Onkels, Tanten, cousinen, Vettern, Neffen, Schwägerinnen; jeder Sorte u. jeden Alters; umgeben von Freundschaft! Nur Musik fehlt, mich beschleicht ein wachsendes Sehnen danach, und ich kanns nicht stillen! – Wir haben zwar auch Musik, aber schlechte, d. h. solche, die wir selbst machen, u. Sie können sich denken, wie die klingt!! – doch ich muß Ihnen ja von Ihren Söhnen erzählen, – dies zu können, ließ ich mir beide expreß ins Schloß bestellen; aber nur der ältere, Ferdinand, erschien, u. zwar so gewachsen, so imposant im stattlichen Anzug, daß ich ihn Sie nennen mußte; leider lag der jüngste damals zu Bett an Erkältung! – Ihre liebe Elise erhält von mir diese Einlage; da ihre theure Mutter meinem Herzen zunächst steht, wird sie sich drin finden. – Nichts anderes thue ich, als an Sie denken, u. auf alle Mittel u. Wege sinnen, wie Sie [zu] erreichen; könnt’ ich doch nach Ihrem Häuschen fliegen, Sie einmal sehn u. hören, Brahms einmal hören, in meiner Sonate einmal schwelgen, die wohl noch immer im Versteck liegt; – vor Ihrer Thür im Grünen einmal sitzen, oder auf dem braunen sofa, wenn Sie die Fantasie od. f.moll sonate spielen; „diese Töne süßer Himmelsruh,“ diese unvergeßlichen! – Ich verspreche Ihnen auch, ich käme in einem neuen Mantel. – Auch nach meiner cousine verlangt mir, u. nach der Bekanntschaft des Neugebornen, dessen Pathe ich bin. Aber was hilfts, wenn ich dann im Schloß säße, u. ich könnte Sie nicht sehen u. Sie mich nicht?! besser noch warten. Aber dann kommt wieder die Königin, u. macht einen ganz todt. – Welche idée v. Brahms, bei der Schwester der Tollen zu wohnen; die ist wohl auch halb toll? Waren Sie denn so recht zufrieden in England? auch päkuniair? Wüßte ich das doch. – Rubinstein als bald verheirathet, ist sonderbar; die Braut verdiente, glücklich zu werden.
Die Steuber ist auf Urlaub bei Verwandten; eine meiner Jugendgespielinnen ist so lange bei mir. – Nun leben Sie wohl für diesmal! – Immer Ihre treue, Anna.

  Absender: Anna, Landgräfin von Hessen (39)
  Absendeort: Rumpenheim
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 12
Briefwechsel Clara Schumanns mit Landgräfin Anna von Hessen, Marie von Oriola und anderen Angehörigen deutscher Adelshäuser / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-023-0
60-63
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.