23.11.2019

Briefe



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ID: 17788 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 09.07.1871
 

Panker, Holstein, d 9ten Juli 1871.
Meine liebe Frau Schumann!
Sie wißen nicht, welche große Freude Ihr lieber Brief mir bereitet hat, u. benutze ich den ersten ruhigen Vormittag Ihnen meines Herzens Dank dafür darzubringen. Ich bekam Ihre Zeilen nämlich nach Wiesbaden nachgesandt, im Augenblick, als ich diesen Ort, nach 8tägigem Aufenthalt bei meinen Eltern daselbst, verließ, um nach unserer Holsteiner Heimath zurückzukehren, wo wir übersommern. – Die Kinder hatte ich während der Berliner Einzugsfeste in Rumpenheim deponirt, u. hernach nur dort abgeholt, um sie meinen Eltern zuzuführen. Es war mir sehr leid, nicht sofort antworten zu können u. Ihnen mein inniges Interesse an allen Einzelnheiten Ihres Lebens ’mal wieder recht warm auszusprechen. Freilich habe ich Ihren lieben Antwortbrief damals in Florenz bekommen, u. mit Freuden begrüßt! Ihren freundlichen Vorschlag, mir die Sängerin Regan kommen zu lassen, konnte ich zu meinem Bedauern nicht befolgen, da sie leider nicht in Florenz anwesend war. – Von Januar bis Ende April blieben wir dann in Rom, zwar ohne unfehlbar zu werden, aber doch in unnennbarem Genuß an allem Schönen, mein armer kleiner Alek bekam dort ein typhöses Fieber, aber Gott sei Dank gutartig, so daß er hernach eher stärker u. gesunder als zuvor wurde; auch Frl v. Steuber machte ein längeres, gastrisch nervöses Leiden durch, ging dann auf Urlaub, und kam erst jetzt hergestellt zu mir zurück; doch bleibt sie ja stets zart u. gebrechlich, so daß man sich mehr ihrer Gegenwart freut, als eigentlich Dienstleistungen beansprucht! Das ewige Rom war, bei all den liberalen u. ultramontanen Wirren, doch eigenthümlich anziehend, aber, wenn irgendwo, so lernte man hier Gott danken, Deutsch u. Protestantisch zu sein! – Das vielbesprochene Conzil schien mir mehr ökonomisch, als ökumenisch, denn sein Bestehen hat längst aufgehört, u. nur verunstaltende Gerüste in der herrlichen Peterskirche zeugen noch von der Stätte, woraus so viel Geschrei und so wenig Wollen hervorging. Später sahen wir Florenz im Frühjahrsprangen wieder, u. eines solch „wunderschönen“ Mai’s entsinne ich mich nicht. Ferner lernten wir noch die interessanten Städte Bologna u. Ravenna kennen; u. reisten über den lago Maggiore allmälig nach Norden. In München erkältete ich mich bei arger Juni Kälte, die koloßale Berliner Wärme stellte mich aber wieder her, u. noch mehr das Hochgefühl überhaupt „dabei“ zu sein, u. die Wonne der Vereinigung mit den
Meinen. Die Einzugsfeier war überwältigend wie Sie sich denken können; Louise v. Baden u. ich waren die einzigen Enkelinnen, die der Enthüllung des Denkmals unsers Großvaters beiwohnten. Die Grundidée unsers Heldenkaisers war die, alle eroberten Trophäen niederzulegen zu den Füßen deßen, der vor 60 Jahren das große Werk begann; „Ein feste Burg“ erklang hundertstimmig, u. unter Jubelruf u. Glockengeläut war es ein erhabenes, ernstes Fest. Was empfanden Louise u. meine Wenigkeit u. Alle, als unsere Fritzen, unsere Brüder, unmittelbar dem Kaiser folgend heransprengten den Feldmarschallsstab in ihrer Rechten, ferner die Staatsmänner u. Strategen, denen die Nation ihre Größe dankt; voran all die feindlichen Fahnen, Adler u. Standarten, ein imposanter, ergreifender Anblick! – Ihren Sohn, den Gott auch gnädig schützte, wußte ich unter den Tausenden. – Mein gutes altes Berlin strahlte im Sonnenglanze, Abends bengalisch u. elektrisch garnicht zu erkennen. Im Conzert bei der Kaiserin-Königin hörten wir des Joachim’schen Paares prachtvolle Leistungen, doch er ganz bärtig, sah mehr kriegerisch als künstlerisch aus. – Der jetzige Zeitabschnitt gehört doch zu denjenigen, die Einen eigentlich verstummen machen; kein Wort reicht aus in seiner Unzulänglichkeit den Reichthum des Geschehenen u. Erlebten darzulegen; die Gegenwart in ihrer vielgestaltigen Kraft nahm doch alle Tage des Daseins u. alles Denk- u. Fühlvermögen vollauf in Anspruch. Gott hat viel an uns Allen gethan u. wir haben Ihm zu danken für Gegebenes, Erhaltenes, Gewordenes! Von den Julitagen in Ems bis zum deutschen Kaiser in Versailles, welch eine Kette von Gottesführungen u. Gottesgerichten u. welch eine Fülle tiefgreifender Ereigniße. – Hoffentlich bleibt nun der Friede ein dauernder! – Sie fragen mich so freundlich nach unseren Plänen, u. ob keine Aussicht sei, sich wieder zu sehen: indeß unsere saftigen Fluren werden wir vorerst wohl nicht verlassen. Könnte ich die reizenden Stunden in Lichtenthal doch nocheinmal durchkosten! in Gedanken höre ich nie auf dies zu thun. Bitte, schreiben Sie mir doch ’mal wieder, gründlicher als letzt; Julie’s Nichterwähnung sehe ich als gutes Zeichen an. Wie mag es der Viardot gehen, und ist sie so antideutsch wie man sagt, daß sie Baden aufgiebt?
Nun aber eile ich von dannen. Man hat schon so vielen Menschen Monumente gesetzt, und man hat noch nie daran gedacht, dem Erfinder der Schrift Eines aufzurichten; besonders in diesem Moment finde ich, daß man sehr unrecht gethan hat, denn es giebt kaum Angenehmeres als denen, die man verehrt u. liebt zu schreiben. Indem ich nun noch von Frl. Steuber beßten Gegengruß ausrichte, und mich Ihrem lieben Andenken empfehle, verbleibe ich herzlichst die Ihrige,
Anna.

Unsere Jugend ist wohlauf u. gedeiht im Grünen; Willy wird zum Herbst 17 Jahre alt u. hier eingesegnet, wozu meine Eltern kommen. – In Gedanken ruhen wir oft auf den Rosen Italiens aus u. schwelgen in Erinnerung! Viele Grüße Ihren Töchtern, sowie Brahms.

  Absender: Anna, Landgräfin von Hessen (39)
  Absendeort: Panker (Holstein)
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, S. 84-87
 



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