19.12.2019

Briefe



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ID: 17838 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 21.03.1856
 

Wien Charfreitag 1856.

Verehrteste Frau!

Noch nie, darf ich wohl sagen, – noch nie, mit Ausnahme meiner Correspondenz als Freier und Bräutigam, ist mir eine so angenehme und werthvolle Aufgabe zu Theil geworden, als die ist, die ich so eben zu lösen gedenke! Auch hätte ich mir nie gedacht, daß es mir je gelingen würde mit einer Künstlerin, an deren Namen allein schon sich Ideen knüpfen, die zu den ich möchte sagen heiligsten für den jetzigen Musiker gehören, in brieflichen Verkehr zu treten! Halten Sie diese Äußerungen für keine Phrasen, wie sie ein gewandter Briefsteller zu Dutzenden fabricirt; sondern sein [sic] Sie überzeugt, daß sie aus reiner und kräftiger Empfindung unmittelbar hervorgehen. Wie könnte ich es auch wagen, |2| Ihnen mit hohlen Schmeicheleien entgegen zu treten, – sind Sie doch fortwährend von Verehrern Ihrer Kunst belagert. Aber die wenigen Stunden, die mir vergönnt waren in Ihrer Gesellschaft zu verleben, haben mir das befriedigende Gefühl verschafft, daß Sie mich zu Ihren wahren Freunden und zu jenen Musikern rechnen, die die Bahn, welche Sie als Künstlerin betreten haben, zu würdigen wissen, und die Ihr Wirken in der Kunstwelt mit großer innerlichen Freude betrachten, und sich durch Ihr Beispiel getröstet, gestärkt und gefestigt fühlen, nach manchen bitteren Erfahrungen, die Jeder, der in irgend einer Sphäre der Wahrheit nachstrebt, durchmachen muß. Auch Sie, verehrte Frau, werden Mancherlei erfahren haben, – Manches bleibt hoffentlich Ihrem Auge verborgen. Aber das Uhland’sche: „Untröstlich ist’s noch allerwärts; – doch flammen sah ich manches Auge, und klopfen hört’ ich manches Herz“ dürfte |3| in Betreff Ihrer Concertprogramme auch Ihnen Trost gewähren. Zwar der „große Haufen“ zeigt sich überall sehr günstig für Ihre Leistungen gestimmt; allein das ist es eben, was den Künstler erst seines Namens und Ranges in der Welt des Geistes und der Geister würdig macht: daß er den großen Haufen zu sich heraufzieht, nicht zu ihm hinabsteigt. Daß Ihnen „der Beifall der Künstler mehr werth ist, als der des großen Haufens“, das ist es, was Sie mir so verehrungswürdig macht. Ich bin leider nicht in der Lage gewesen, viel zu reisen, und mich in anderen Städten länger aufzuhalten; weiß daher nicht, wie es etwa in Norddeutschland unter der Decke aussehen mag. Aber so viel weiß ich, daß Sie erschrecken würden, wenn Sie mit Wien genauer bekannt würden, und daß sie erst dann recht begreifen würden, warum ich so sehr in Sie drang, sich in Wien für längere Zeit festzusetzen. |4| Wir Wiener bedürfen mehr als irgend Andere einer Anzahl unabhängig dastehender Künstler, durch deren Zusammenwirken eine Verbesserung des Kunstzustands angebahnt werden könnte. Bis jetzt haben wir Solche nicht; denn unsere Gutgesinnten sind entweder Dilletanten [sic] <und> oder unfertige ausübende Musiker; – und unsere technisch ausgebildeten Virtuosen sind entweder schlechte Musiker, oder feile Allerweltsdiener; – und unser Publikum? Nun – das beklatscht, wie Sie wissen, Alles, – heute R. Schumann, morgen Leopold Meyer! Aber es ist ein kleines Häuflein Solcher da, die sich freudig und thätig anschließen würden, wenn bedeutende Persönlichkeiten von feiner Beobachtungsgabe und einiger Entschlossenheit sich an die Spitze stellen würden, um unser in miserables Fahrwasser gerathenes Schifflein in frischeren Zug zu bringen. |5| Vergebens sehen wir uns um <s>Solche um. Ausländer fürchten sich vor dem Augiasstall; Inländer haben nicht hinlänglich Ruf, oder, besser gesagt, sind nicht groß genug als Künstler. Unsere musikalischen Bildungsanstalten nähren wohl den Dilletantismus [sic] und das mus. Proletariat, – aber die ächte reine Kunst hat Nichts von ihnen zu erwarten. Man thut sich freilich viel darauf zu gut, – daß Joachim aus dem Wiener Conservatorium hervorgegangen sei; aber ich möchte ihn doch, wenn ich ihn persönlich kännte [sic], fragen, von wann und wo sich seine eigentliche<n> „Erleuchtung“ her datirt. Ich kann mir nicht denken, daß das „Licht vom Himmel“ aus dem fünften Stock des Hauses unter den Tuchlauben auf ihn gefallen sei, und die Wirkung hervorgebracht habe, die wir Alle an ihm, (wenn auch nur aus der Ferne und vom Hörensagen mit ihm bekannt) an ihm lieben und bewundern. Eine Umgestaltung |6| unseres Conservatoriums in dem Sinne, daß das musikalische Handwerkerthum in künstlerisches Wesen umgewandelt würde, ist, wie Sie vielleicht erfahren haben, mißlungen und Ursache geworden, daß ich entlassen wurde. Daran läge nun gar nichts, wenn die Sache dabei gewonnen hätte. Aber so gering sind die Aussichten in dieser Beziehung, daß wenn man aufrichtig rathen soll, man Jedem der Talent hat dringend abrathen muß, eine solche Anstalt zu besuchen. – Doch was unterhalte ich Sie mit Dingen, die so unerfreulich und langweilig sind. Besser, ich denke an den Hauptgegenstand dieses Briefes, an eine kurze Darlegung der Grundzüge, nach welchen ich einen größeren Aufsatz über Ihr Wirken schreiben möchte, und wozu ich schon Ihre Güte wegen Mittheilung der Concertzettel in Anspruch nehmen muß. Ich beabsichtige einen derartigen Aufsatz an einer Stelle erscheinen zu lassen, wo |7| eine gewisse Pedanterie bisher verhinderte, daß die Vorzüge Ihres Spieles und Ihrer Richtung so gewürdigt wurden, wie Sie es verdienen. Ich will dort Ihr Ritter sein, wo man aus allzu großer Vorliebe für das Alte und für eine zopfige pathetische Vortragsweise an Ihnen und Ihrem Programme Tadelnswerthes fand, wo man Stoff in Hülle und Fülle zum Lobe gehabt hätte, – und hoffe, daß es mir gelingen wird gerade durch Ziffern und Namen und Thatsachen zu beweisen was sonst blos als subjektive Ansicht erscheinen könnte. Ich werde suchen einen Begriff von der Höhe einer Künstlerschaft zu geben, die in der Darstellung fast der gesammten musikalischen Literatur ihre Bedeutung hat, im Gegensatze zu jenen reisenden und nicht reisenden Clavierspielern, die mit ein paar brillanten Phantasieen, und weil das Klassische Mode geworden ist, mit einigen Sonaten von Beethoven (Cis moll, As dur, F moll) und der unumgänglichen Cis dur Fuge von S. Bach als Steckenpferden conzertiren, sonst aber herzlich wenig kennen und können. |8| Mag sich denn Mancher, der technisch glücklich gebildet ist, ein Beispiel an Ihnen nehmen, und sehen, was man mit Consequenz und ächter Kunstliebe wirken kann. Das Talent freilich, welches Ihnen verliehen ist, kann sich Keiner geben, – aber tüchtiges Streben wirkt doch auch auf Andere, und was man wünschen muß ist eben, daß so manches schöne Talent nicht für die ächte Musik verloren gehe. – Wenn Sie mir denn das Zutrauen schenken, daß ich einen Ihnen und der Kunstanschauung nützlichen Artikel zu schreiben vermöchte, und zugleich mir erlauben wollen, in Einzelheiten auch einer tadelnden Bemerkung Raum zu geben (daß Sie manche Allegro’s zu schnell spielen, besonders Beethovensche, diese Meinung ist selbst unter Ihren nächststehenden, eifrigsten Verehrern ziemlich vorherrschend) – dann erweisen Sie mir die Freundschaft, mir die besprochenen Concertzettel vielleicht durch Buchhändlergelegenheit an Mechetti, oder nach Befinden per Post zu übersenden. Es versteht sich, daß ich die Zettel auf das beste hüten, und baldigst zurücksenden werde, da ich ja blos die Auszüge daraus zu machen wünsche. – |9| Es erübrigt mir nun noch Ihnen noch einmal recht herzlich zu danken für das unschätzbare Andenken, das Sie uns zu hinterlassen so freundlich waren, und auf welches ich und meine Frau ganz stolz sind. Es prangt natürlich längst über dem Sopha, auf welchem Sie saßen um zwei höchst einfache Mahlzeiten einzunehmen. Meine Frau, welche sich Ihnen angelegentlichst empfiehlt, vereinigt ihre Bitten mit den meinen, daß Sie uns recht bald wieder die persönliche Freude Ihres Besuches, und das musikalische Labsal Ihrer Kunst zu Theil
werden lassen möchten! Sollten Sie einmal Gelegenheit haben, einen würdigen Kunstjünger der sich Wien einmal besehen, oder sich hier hören lassen will, Empfehlungen hieher zu geben, so vergessen Sie uns nicht; er soll so freundlich aufgenommen sein, als ob Sie selbst es wären. Und nun leben Sie recht wohl! Wir wünschen Ihnen sehr gute Geschäfte in London. Möchte doch der gütige Himmel auch geben, daß Sie uns noch andere erfreuliche Nachrichten zukommen lassen könnten! In aufrichtiger Verehrung und herzlichster Ergebenheit
Ihr
S. Bagge.

Ich will meine Adresse noch einmal hersetzen: Schotten Bastei 109.
An Fräulein Jungé viele Empfehlungen u. Grüße. |10| Wir haben jetzt eine Vereinigung gestiftet, zu dem Zwecke uns mit alter und neuer Musik durch regelmäßige Zusammenkünfte und Zusammenspiel vertraut zu machen. Theilnehmer an dieser Gesellschaft sind bis jetzt außer mir: Debrois, Nottebohm, Rufinatscha, Gänsbacher, Herbeck, Strauss, Lorenz, u. a. – Wir hoffen daß diese Vereinigung sich nach und nach recht kräftig und solid gestalte. Bei unserer ersten Zusammenkunft wurden unter anderm die Trio-Novelleten [sic] von Gade gespielt, die uns ausnehmend gefallen haben. Schumann wird natürlich sehr viel gespielt werden; für das nächste Mal ist eine Sonate mit Violine auf dem Programm. Von Gesangstücken wird besonders Löwe gepflegt. Hoffentlich haben wir bald ein Streichquartett zur Verfügung; leider gibt es hier sehr wenige vom Theater unabhängige Violinspieler, welcher Umstand uns die meisten Schwierigkeiten verursacht. –

  Absender: Bagge, Selmar (130)
  Absendeort: Wien
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 4
Briefwechsel Clara Schumanns mit Maria und Richard Fellinger, Anna Franz geb. Wittgenstein, Max Kalbeck und anderen Korrespondenten in Österreich / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Anselm Eber und Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-015-5
45-50
 



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