25.02.2022

Briefe



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ID: 17938
Geschrieben am: Mittwoch 18.12.1872
 

Düsseldorf 18 Decbr. 1872
Liebste Freundin!
Ihr heute angekommener Brief an meine Frau gibt uns die Nachricht, daß Sie nach ruhmvollem Aufenthalt in Wien uns wieder näher gerückt sind und daß wir denn auch bald die große Freude haben werden, sie wieder bei uns zu sehen. Da will ich nun auch nicht länger zögern, Ihnen aus der Ferne noch die Hand zu drücken, nach allem dem schweren Kummer, den Sie erlebt haben, und den Sie immer von Neuem besonders beim Herannahen des schönen Weihnachtsfestes erleben. O, es muß ein schwerer Schmerz sein, ein Kind, und ein so reichbegabtes, wie die liebe und liebenswürdige Julie war, zu verlieren! Wir haben ja in unserem engsten Kreise einen solchen Verlust noch nicht erlebt! Es bedarf der ganzen Stärke Ihrer Kraft, um ihn zu tragen und so zu tragen, wie Sie es thun! Schonen Sie sich aber auch ein wenig und denken Sie an Ihre Gesundheit, welche, wie wir mit Bedauern lesen, viel zu wünschen übrig läßt! – Welche Kämpfe müssen Sie von Heidelberg an durchgemacht haben! Und welche Kämpfe hatten Sie überhaupt im Leben zu bestehen! Wahrlich, Ihnen Muth, Trost zuzurufen, das kann unser Einem nicht einfallen. Sie haben an beidem mehr als wir Alle und dazu die Gabe, alle Welt mit Freude zu erfüllen, während Sie trauern! Jedoch was sollen da viele Worte; ich kann Ihnen mündlich mit einem Blick mehr sagen, und daß Sie unsern Herzen so ganz vertrauen, das ist uns, wie Sie wissen müssen, eine wahre Freude und Erhebung. Wie gern hätte ich einmal Gelegenheit, das Brahms’sche neueste Werk zu hören, von welchem die Zeitungen so überschwängliche Berichte bringen. Aber einmal hören würde wohl nicht genügen! Hoffentlich, wenn Ihr schöner Plan wirklich zur Ausführung kommen sollte, nämlich, daß Sie hier Wohnung aufschlagen wollen, haben wir bessere Zeiten für die Musik erwarten [sic]. Ich denke immer, Ihre Anwesenheit hier wird, sans comparaison, wie Sauerteig wirken, aber die die Hitze auf die Milch; sie wird sauer, ohne daß die Hitze mehr thut als wärmen.
Grüßen Sie die liebe Eugenie, Ferdinand u meine Geschwister.
Verzeihen Sie aber auch, dß ich das Papier so unrichtig ergriffen und beschrieben habe und leben Sie recht von Herzen wohl!
Ihr
treu ergebener
E Bendemann.

Meine Frau schreibt bald.

  Absender: Bendemann, Eduard (174)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 205f.

  Standort/Quelle:*) D-B, s: Mus. Nachl. K. Schumann 3,113
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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