05.01.2022

Briefe



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ID: 18097
Geschrieben am: Dienstag 31.07.1888
 

31. Juli 1888
Hochgeehrte gnädige Frau!
Auf Ihre geschätzte Zuschrift vom 28. Juli habe ich mit Frl. Marie Wieck weiter verhandelt und folgenden Abschluß vorbereitet:
1) Die Briefe Ernestine von Fricken sind als Ihr alleiniges Eigenthum mir ausgeantwortet worden. Und zwar besitze ich die Briefe S. 97 bis 103 (1 bis mit 6). Die übrigen Originale sind, wie mir Frl Wieck sagte, verlo¬ren gegangen.
2) Ihre eigenen Briefe werden mir noch im Laufe dieser Woche zum Zwecke Ihrer Einsichtnahme und unter dem Versprechen späterer Rück¬gabe mitgetheilt werden. (An diesen Briefen |2| steht Ihnen das Urhe¬berrecht nach dem Gesetze vom 17. Juni 1870 zu, d. h. Sie haben das Drucklegungsrecht; das Eigenthum der Briefe – Schrift u. Paper – gehört den Empfängern und deren Rechtsnachfolgern).
3) Ich ziehe nicht nur von Pierson, sondern auch von Kohut schrift¬liche Erklärungen herbei, daß diese bei einer neuen Auflage Ihre Briefe und diejenigen Ernestine von Fricken ohne Ihre Genehmigung nicht wie¬der mit aufnehmen. Die Unterschrift Kohuts unter solcher Erklärung wird mir Frl. Wieck vermitteln.
Ich nehme an, daß nach Erledigung dieser drei Punkte Ihre Wünsche erfüllt sind, und daß dann die jetzige Buchauflage unangefochten fortbe¬stehen darf.
Das Letztere erscheint mir wünschenswerth. Bei der – allerdings erst zu einem kleinen Theile bewirkten – |3| Lektüre des Buchs ist mir aufgefallen, daß einzelne Ihrer Briefe schon anderweit gedruckt zu sein scheinen, z. B. wohl in der Zeitschrift für Musik? Die Episode mit E. v. Fricken ist durch Ihr Werk: Jugendbriefe v. Robert Schumann, schon ziemlich bekannt. Diese Umstände würden wohl bei einer gerichtlichen Klage dann Dr Kohut, Pierson u. Ihrer Schwester einiges Vertheidigungs¬material bieten.
Im Übrigen gefällt mir das Buch viel besser als sich mit meiner Stel¬lung als Ihr Rechtsanwalt in dieser Sache, verträgt. Ihre Briefe sind entzü¬ckend und wenn schon ich als Jurist den unbefugten Abdruck verwerfe, so genieße ich doch als Mensch die süße Nachdruckesfrucht mit Behagen.
Eine leise Sorge läßt mich nicht los. Wenn ich noch eine Woche Zeit brauche, |4| um die oben unter 1–3 bemerkten Punkte zu ordnen, so läuft Ihnen doch nicht etwa inzwischen die in meinem vorigen Schreiben erwähnte dreimonatige Frist ab? wann haben Sie das Buch in die Hand genommen und gelesen? Für uns Rechtsanwalte bereitet der Gedanke an „Fristversäumniß“ eine der Höllenqualen.
In größter Verehrung und mit Gruß an frau Clauß zeichne ich
Ihr
ergebenster
R. Boehmig.
Dresden – N d. 31 Juli 1888.

  Absender: Böhmig, Paul Richard (14945)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
1469-1471

  Standort/Quelle:*) D-B, s: Mus. Nachl. K. Schumann 5,47
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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