19.12.2019

Briefe



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ID: 18590 Brieftext


Geschrieben am: Montag 10.03.1884
 

Verehrteste Frau Schumann!

Wie lieb von Ihnen sich aus so weiter Ferne und mitten in der Londoner Saison nach uns zu erkundigen! Es geht so viel besser, dass meine Frau heute schon zum 2ten Male aufstehen durfte, obwohl von „Stehen“ dabei noch nicht viel die Rede ist, geschweige von „Gehen“! Sie hat mir durch 2 bis 3 Tage rechte ernste Sorge gemacht; zur heftigen Fieber-Grippe, mit der’s kurz nach Brahms’ Abreise anfing, trat unerwartet und plötzlich eine beängstigende Schwäche der Herzthätigkeit, gerade als Lunge, Bronchien und Luftröhre Tag und Nacht rasselten, und viel Kraft zur Überwindung dieses Zustandes recht nötig gewesen wäre! Gott sei Dank entging dies unserem braven Arzte nicht, und durch äusserste Schonung und Unbeweglichkeit, verbunden mit einigen Flaschen Digitalis, überwand ihre sonst so tapfere Natur den bedenklichen Moment. – Das sind nun schon 14 Tage her, in welcher Zeit sie gute, wenn auch unglaublich langsame, Fortschritte machte. Jetzt hustet sie allerdings zeitweilig noch viel, schläft aber verhältnissmässig gut, manchmal sogar sehr gut, und isst recht wacker. Vor Ende März ist aber an völlige Wiederherstellung nicht zu denken. Wir haben aber alle Geduld und freuen uns des erträglichen Zustandes mit aller Dankbarkeit. Dass wir Brahms da hatten, und die herrliche unerhörte Fdur Symphonie kennen gelernt, erscheint uns so weit entlegen! Wie haben wir’s genossen, und wie oft dachten wir Ihrer dabei! Dass wir so Etwas nicht wieder zusammen erleben können! Hier gibt’s kein Gesicht, in welchem sich unser Eindruck wiederspiegelte, dafür unzählige halbe Äusserungen einer halben Anerkennung, die recht beunruhigend und peinlich wirken. Wie ein Sonnenstrahl wirkte da Ihr lieber Brief, der so voll des grössten Eindrucks war; als wir ihn lasen, hatten wir doch wieder das Gefühl, dass wir’s zusammen, wenn auch nicht gleichzeitig, erlebt!
Meine Frau, die wieder still aber vergnügt in ihr Bettchen gekrochen ist, küsst Ihnen mit mir die lieben gütigen Hände, und beneidet jeden Engländer einzeln, der jetzt das Glück hat, dieselben in ihrer Thätigkeit zu hören!
Mit besten Grüssen an
Frl. Marie von uns Beiden
Ihr verehrungsvoll ergebn
Herzogenberg

10.3.84

  Absender: Herzogenberg, Heinrich Freiherr von (692)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
530f.
 



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