19.12.2019

Briefe



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ID: 18794 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 12.10.1860
 

Liebe, verehrte Freundin

Daß Sie alles Klavierspielen gänzlich verlernt haben, ist mir gar nichts Neues; schon zu oft habe ich das von Ihnen gehört, auch mich in Kreuznach noch zur Genüge davon überzeugt, als Sie die Bach`schen Suiten und Beethovenschen Sonaten spielten! Das kommt davon, wenn man Spatzirgänge auf die Eberburg und den Rheingrafenstein macht, statt hübsch Fingerübungen zu studiren! Und wie wirds erst mit dem Zusammenspielen von uns werden; gewiß lauter Taktfehler! Übrigens gehts mir auch jeden Winteranfang so; ich begreife dann nie, wie ich's nur anfangen würde, vor so viel Leuten da zu stehen ohne vor Scham in die Erde zu sinken, wenn ich vorher daran denke. Darum muß man das auch nicht; nachher geht’s doch, weil man eben über die Musik allen Plunder vergißt! Und so wollen wir eben nur an die Programme denken. Da ist`s mir nun doch nicht ganz recht, daß wir gleich zu Anfang 3 Gesangspiecen haben! Katharinchen ist ein ganz nettes Kind, und das kleine Vögelchen pfiff in Ihres Papas Käfig ganz allerliebst, als ich im Frühjahr in Dresden war, aber -- warme Kunst, wie wir sie gern vertreten, ist`s doch nicht, und dasselbe gilt von Ihrer geehrten Schwester, die ich ja sonst sehr schätze. Wir sollten eigentlich nur 3 Sonaten spielen,von Mozart,Bach,Beethoven od. Schumann. Um Programme mit einiger Sicherheit festzustellen, müßte ich unsere frühern Dresdner einmal durchsehen. Sie ordentliche (und außerordentliche) Freundin besitzen sie gewiß noch und schicken sie wohl an mich ein, und zwar bald, damit ich gleich an`s Werk gehe. Für die 1te Soirée geht vielleicht folgendes:
1) Sonate in A mol oder D mol von Schuman, 2) Gesang, 3) Stücke für Klavier allein (Suite) von Bach. Pause. 4) Sonate von Tartini, 5) Gesang, und 6) Sonate in G dur Beeth. Sehr freute mich die Idee mit Johannes Harfenliedern. In den Orchester- Soiréen kann mich Rietz nicht brauchen, und macht mir, übrigens sehr herzlich u. höflich, einen andern Vorschlag, den ich aber nicht brauchen will. Mündlich mehr darüber, denn es ist eine prächtige Aussicht, Sie Ende nächster Woche hier zu sprechen. Sie sollen Johannes`Sextett in der 2ten unserer hiesigen Quartett-Soiréen, Sonnabend 20ten, hören. Sonntag früh probire ich zum 1ten mal daran. Auch der letzte Satz ist gar schön geworden. Bei Hof will ich schon zeitig melden und zweifle nicht, daß wir nach Herrenhausen müssen, wo man in alter Herzlichkeit neulich Ihrer und der Ihrigen gedachte. Schreiben Sie bald den Tag Ihrer Ankunft und schicken Sie die Programme.
Ihr
Joseph Joachim.

Einen Gruß der armen Leser. Auch an Bendemanns viel freundliche Empfehlungen; last not least an Fräulein Marie. Neulich waren Goldschmidts einen Tag hier, und sehr angenehm gestimmt.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
563ff
 



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