19.12.2019

Briefe



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ID: 18922 Brieftext


Geschrieben am: Montag 31.12.1866
 

Berlin am 31ten December 1866
Liebe und verehrte Freundinn!
Das Jahr, das im Großen so groß in vielem Kleinen aber so wechselvoll für uns gewesen, neigt seinem Ende zu; ich möchte es aber nicht beschließen ohne Ihnen aus der Ferne die Hand zu reichen, um die besten Wünsche und Hoffnungen für kommende Jahre auszudrücken. Wie herzlich erfreut ich auch an jenem Freitag Leipzig verließ, um desto eher zu meiner Frau heimkehren u Beruhigung, wie nur persönliches Beisammensein gibt, finden u bringen zu können: ein Stachel blieb für mich doch zurück, dass mir so versagt war, Sie nach dem herrlichen Concert noch einmal zu sehen. Hätte ich Sie, liebe Freundinn, noch an jenem Donnerstag vor dem Concert sprechen können, ich hätte wegen Ihrer so gütigen aber doch übertriebenen Gastfreundschaft – ich will nicht sagen ein Hühnchen aber doch ein Täubchen mit Ihnen pflücken mögen; – nach dem Concert freilich hätte ich kein Wort dafür gehabt, und so lasse ich denn auch heute das Täubchen in gutem Frieden davonfliegen. – Bitte, liebe Freundinn, wenn Sie meiner Frau oder mir wieder schreiben, sagen Sie mir, ob Sie auch glauben, dass Sie an jenem Abend ganz vorzüglich gespielt haben? In dem deutlichen Gefühl der Bescheidenheit als Laie in der Musik, wage ich es nicht, Ihnen mehr als diese Frage über Ihr Spiel zu sagen. Ich möchte, dass ich der Sprache der Musik mit der Sprache der Worte nur annähernd nachfolgen könnte; dann würde auch der schlichteste Ausdruck des Dankes für die tiefe Empfindung der Tonschönheit, die Sie erregten, zum lyrischen Gedicht. Der musicalischen Kunstleistung von solcher Höhe gegenüber gilt noch mehr als sonst schon im Leben, dass Reden Silber, Schweigen aber Gold ist; – ich will diesmal unbescheiden sein und das Gold wählen. Das aber muß ich Ihnen doch erzählen, dass sich für mich an die Aufführung der B-dur-Sinfonie noch eine besonders liebe Erinnerung knüpft. Es war vor etwa 14 oder 15 Jahren dass ich sie, ebenfalls in Leipzig, gehört habe. Ich war bis dahin noch viel weniger als später im Stande große Tonwerke in mich aufzunehmen, und die eigenartige Identität derselben auf mich wirken zu lassen. An jenem selbigen Abend aber nach der Aufführung schrieb ich an meine Frau: „ich könne es mir jetzt für möglich denken, dass ich bei aller Gemüthsruhe des Philosophen noch ein Musikenthusiast werden könnte.“ – Den Sinn für umfassende Tongebilde zu erschließen und ihn zu einer veredelten Empfänglichkeit empor zu heben, dazu scheint mir dies Werk von Schumann besonders geeignet; das habe ich diesmal wiederum und nicht blos in der Erinnerung klar empfunden. Vor Allem weil eine solche Einheit von Tiefe u Klarheit darin ist. Häufig wirkt die Kunst – die musikalische sowohl als die dramatische u selbst die plastische – dadurch sicher auf den Empfänger, dass sie ihm das Rührende vorführt; diese Wirkung aber ist von der höchsten die die Kunst erreichen soll noch sehr fern. Dann aber erscheint mir die Wirkung vollendet, wenn ohne Anklang an das Rührende die reine Schönheit so vollendet ist, dass sie dadurch zur rührenden wird. In der That die erste Hälfte des 2ten Theils z. B. scheint mir von rührender Schönheit zu sein. Doch über ein solches Capitel müssen wir einmal mündlich reden, und ich hoffe, dass das nächste Jahr uns die Gunst des vorigen Sommers, der bei uns in dankbarer Erinnerung steht, wiederholen, dann aber die Freuden des Winters nicht wie diesmal entziehen wird.8 Für uns alle hier, für meine Frau aber, die die mütterliche Sorge für Alle trägt, am meisten ist der Wintersanfang ein herber gewesen; Gottlob nun lichtet sich die Wolkendecke u mit der wiederkehrenden Genesung meiner Mutter, Schwester u der Kinder wird es etwas heiterer. Nur meine arme Frau selbst hat schließlich als Erfolg aller Anstrengungen den Tribut der Gesundheit zahlen müssen; erst in Form einer Halsentzündung u, davon geheilt, nun in einem Augenkatarrh, der ihr Lesen u Schreiben fast gänzlich verbietet. Sie muß sich daher für heute leider begnügen, Ihnen durch meine Hand die herzlichsten Grüße u Wünsche fürs neue Jahr zu übersenden. Fräulein Marie, die treue Begleiterin, grüßen wir beide bestens, und indem wir Ihnen sorgenlose Freude an allen lieben Kindern wünschen, erblicken wir in der Erfüllung dieses Wunsches zugleich die schöne Hoffnung, dass Sie, Ihrem Genius allein folgend reich u frei in der Kunst wirkend, Vielen freudige Erhebung bereiten, wie bisher.
Ihr in herzlicher Freundschaft ergebener
Lazarus

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
150f.
 



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