19.12.2019

Briefe



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ID: 18935 Brieftext


Geschrieben am: Montag 25.11.1872
 

Berlin d 25ten November 72
Liebe und verehrte Freundin!
Ich komme um Ihnen einen Gruß der schmerzlichsten Theilnahme aus warmem Freundesherzen zuzurufen. Aber wie ohnmächtig sind alle Worte, wenn es gilt, Ihnen auch nur zu sagen, wie tief wir alle von der herben Kunde erschüttert waren; vollends wie unfähig sind sie, wenn man es versuchen wollte, einen Trost zu gewähren, den unsäglichen Schmerz zu lindern, der Ihr treues, warmes, hingebendes Mutterherz mit jähem Schicksalsschlag erfaßt hat. Solches Geschick kann nur getragen, geduldet, auch von den Freunden nur mitgelitten werden. Ihnen, theure Freundin, steht glücklicherweise als Helferin, einzig in ihrer Art, die herrliche Kunst zur Seite, die es Ihnen gestattet, auch schweigend die innerste Sehnsucht nach Trost in ergreifenden Tönen auszuhauchen. Ich begreife es wohl, dass Ihre Kinder – wie uns Ihr lieber Ferdinand erzählte, – meinten, sie hätten Sie nie so wunderbar spielen hören, als in den jüngsten Concerten zu Wien. Ich bin überzeugt, dass dies auf keinerlei Täuschung beruht. Aber es ist unsäglich rührend, Sie am Clavier zu denken, wie Sie gleichsam mit Ihrem Herzblut die Meisterwerke beleben, um hörende Seelen mit den Tönen zu erheben u zu erquicken. Und noch eins steht mir seither immer wie ein Trost für Sie vor der Seele, der in späteren Tagen immer mehr Kraft gewinnen wird. Blicke ich nemlich auf die Gestalt und das Geschick, auf das Leben und den Charakter Ihrer geliebten Julie, so erscheint mir das Ganze wie ein Bild von poetischem Zauber umflossen; wie eine zarteste Melodie, sanft hingehaucht und, unmerklich fast, verschwebend. So ganz Jugend erscheint mir das Bild, als ob auch das Ende in die Jugend fallen müßte, und so ganz Poesie, dass es in der herben Wirklichkeit des Lebens mit seinen Sorgen u Schmerzen nicht dauern könnte. Und Alles scheint darin so harmonisch zusammen; auch dass die äußere und innere Erscheinung eine glückliche Liebe entfacht hat, in deren Flammen Vorurtheile des Standes u der Nationalität sich verzehrten. Nicht als ob das ihren inneren u eigenen Werth erhöhen könnte! aber es dürfte doch eine immerhin seltene Anerkennung derselben bedeuten und den Gedanken bewähren, dass, wie jedes ächte Meisterwerk der Kunst den Vorurtheilen der Stände u Nationen sich entzieht, so auch die Menschen, welche in all ihrem Wesen der reinen Schönheit verwandt sind. Solche Erinnerung kann den Schmerz des Verlustes allerdings noch verschärfen aber auch verklären; sie kann ihn nicht schwächen, aber doch besänftigen, läutern u veredeln.
Ich wage es nicht dieser Erinnerung ein weiteres Wort hinzuzufügen; schweigend drücke ich Ihnen die Freundeshand und bin u bleibe treu u innig Ihr Freund Lazarus

Herzlichste Grüße Ihren lieben Kindern, die so liebwerthen Herzens u von geschwisterlicher Innigkeit erfüllt sind, dass je mehr sie darum selbst des Trostes bedürfen, desto mehr auch Ihnen ein lebendiger u dauernder Trost zu sein geschickt u beglückt sind. Das Wiedersehen mit Ihnen Allen wird uns eine Wohlthat sein.

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
240f.
 



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