19.12.2019

Briefe



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ID: 18943 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 01.11.1878
 

Verehrte u liebe Freundin!
Meine Frau hat Ihnen schon zu erklären versucht, weshalb dieser Gruß von uns erst heute zu Stande kommt; von dem bunten u wechselvollen Leben aber, das besonders ich seit Anfang September geführt, ließe sich schwer eine Schilderung geben. Arbeiten abschließen u andere für den Winteraufenthalt im fernen Süden vorbereiten, Reise nach Paris, diesem durch die Ausstellung zu einer Doppelwelt gewordenen Paris, dann wieder zurück nach Leipzig, wieder nach Paris u dann hieher; dies Alles mit offenen Augen, mit geschäftigem Kopf, mit Rückblick u Vergleichung; – da vergißt man zwar seine Freunde u seine Pflichten nicht, aber man denkt an sie nur mit unerfüllter Sehnsucht. Sie selbst werden inzwischen Ihr neues Heim u neues Leben eingerichtet u Berichte von Freunden wohl kaum entbehrt haben. Von Herzen wünsche ich Ihnen Glück zu der neuen Stellung u Stimmung im Leben! Wie manches Zweifelhafte u Unbehagliche sich auch im Anfang hie u da einstellen mag: im Großen u Ganzen ist es doch eine eigenartige Frische, am neuen Ort, im neuen Amt, unter neuen Pflichten u neuen Menschen sein Leben zu führen. Sie haben es in manchen, ich in allen Beziehungen schon kennen gelernt, auch im Uebergang von der Freiheit zur Fessel u Festigkeit; dies ist einer von den seltenen Fällen, wo die eigene freie Stimmung über die Gunst u den Erfolg des Schicksals entscheidet, ihm den Stempel aufdrückt. Darin doppelt u dreifach wünsche ich Ihnen aus voller Seele Glück in Ihrem neuen Lebenskreis. – Ich denke jetzt auch mehr u öfter an Sie, verehrte Freundin, als sonst; die psychologische Betrachtung über Musik ist nemlich jetzt der Gegenstand meiner Arbeit. Dabei lese ich viel von Schumann; er hat fast am Stärksten u zugleich am Schönsten das Räthsel der Musik darzustellen gestrebt; wie er vor unseren Augen ringt dasselbe zu lösen, wirkt er immer spornend, spannend, stärkend u doch zuweilen entmuthigend. In solchen Zeiten ohnmächtiger Reflexion gibt es nur Eins, was uns über die Verzweiflung des Zweifels – zum Nachtheil der Forschung, aber zur Beruhigung des Gemüthes immer wieder hinaus hebt: vorzügliche Musik hören, oder das noch so viel Höhere, vorzügliche Musik machen. Wie werden meine Gedanken selbst u vollends meine Seele nach diesem Troste schmachten! während ich daran arbeite, hier u dort einen Funken Licht mehr in die dunkele Sache zu bringen. Inzwischen werden Sie reiche Strahlen lebendiger wirklicher Musik die Gemüther Ihrer Hörer erwärmen, die Geister Ihrer Schüler erleuchten lassen; gesegne es Ihnen Gott! und schenke Ihnen Selber , alle Freude daran! an welcher auch in der Ferne Theil nimmt Ihr
innig ergebener Lazarus

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: Nizza
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
259-263
 



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