19.12.2019

Briefe



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ID: 18982 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 16.02.1886
 

Berlin d 16t Febr. 86
Theure, verehrte Freundin!
Wie eine Seele ohne Körper ist die freundschaftliche Gesinnung auch in ihrer treuesten Ausdauer, wenn sie der sinnlichen Ansprache und jedes sonstigen Zeichens langehin entbehren muß. Gewiß, die Seele lebt selbstständig fort u sie ist das Höchste wie das Reinste; aber als Menschen fühlen wir eben doch das innige Bedürfniß nach einem lebendigen Odem, der uns anweht. Darum haben wir uns so herzlich gefreut, dass Sie der treuen Freundschaft, die uns mit aller Zuversicht auch im Schweigen verbindet, wieder einmal einen Ausdruck mit Worten gegeben, denen wir das Echo um so schneller und klarer folgen lassen, je öfter u tiefer auch wir die Sehnsucht empfunden und unter uns besprochen haben, das Zusammengehören mit Ihnen auch wieder einmal durch ein Zusammensein zu feiern. Wenn ich der Freunde gedenke, deren trauter Umgang und herzliches Gespräch in vergangenen Tagen die freie Muße erquickt und verschönt hat, die mir jetzt so selten zu Theil wird, dann fühle ich oft recht schmerzlich die Ketten der Pflicht, die mich jahraus jahrein fesseln. Fast seit einem Jahrzehnt sind mir solche Wochen traulichen u fröhlichen Beisammenseins, wie wir sie mit Ihnen auf dem Rigi zu verleben das Glück hatten, fast zur Mythe geworden. Schönefeld ist für mich zwar ein classischer Boden goldener Freiheit – im Vergleich zu der rastlosen Hast des Berliner Lebens geworden; aber doch nur einer Freiheit zur Arbeit. Dort leben wir ungestört, aber nur damit ich ungestört schaffen kann. Nur wenn wir die Freude haben, dort auch liebe Freunde bei uns zu sehen, gedeiht uns der Sommer zu vollem Lebensgenuß. Schade genug dass ein früherer Plan, uns irgendwo an einem schönsten Fleckchen der Schweiz unser Sommerheim zu gründen, nicht ausgeführt werden konnte. Nach der schlichten nordischen Schönheit bei Leipzig können u dürfen wir so selten Jemand verlocken. So muß man sich eben in das Leben schicken und froh sein, je zuweilen von den alten lieben u getreuen Freunden zu hören und was sie Gutes melden, mit freudiger Theilnahme zu vernehmen. Welch eine herzinnige Befriedigung wäre es für uns, dürften wir Sie, theure Freundin, einmal für freie und frohe Tage bei uns auf dem Lande willkommen heißen! wir dürfen Sie wohl kaum erwarten. Sollte uns aber das Glück einmal hold sein, meiner Frau Gesundheit u mir Muße genug schenken, eine Sommerreise anzutreten, dann würde sie uns zu dem liebsten und ersehntesten Ziele führen, wo wir auch Sie mit Ihren lieben Kindern zu treffen verabreden könnten. In Düsseldorf, wo ich im Spätherbst, ebenso wie in anderen Rheinlandstädten Vorträge gehalten, habe ich Ihrer mit anderen treuen Freunden oft herzlich gedacht. Gewissen Menschen bleibt treues Angedenken überall gesichert, wo sie jemals geweilt haben; Ihnen liebe Freundin auch überall u allezeit bei Ihrem alten, treuen Freunde Lazarus

Ich bitte Sie, Ihre lieben Kinder herzlich von mir zu grüßen.

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
290ff.
 



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