19.12.2019

Briefe



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ID: 18990 Brieftext


Geschrieben am: Montag 16.09.1895
 

Schönefeld bei Leipzig 16 Sept. 95.
Meine liebe, theure Freundin!
Ich freue mich herzlich zu wissen, wo Sie sich jetzt befinden und sende Ihnen meinen besten Dank und die innigste Erwiederung Ihrer Glückwünsche zum Geburtstag. Es geschieht ganz, dessen dürfen Sie versichert sein, in der alten Weise, aus dem alten treuen Herzen. Nichts hat in meinem Gemüthe sich geändert. Dass ich meine Verheirathung keinem meiner Freunde besonders angezeigt und auf die Zeitungen „statt jeder besonderen Meldung“ beschränkte hatte einen inneren und einen äusseren Grund. Vor Jahr und Tag hatten alle meine Freunde mir condolirt, – ein halb Jahr später zu meinem 70. gratulirt, – da war es mir in vielleicht übertriebener Bescheidenheit zuwider nach einem weiteren halben Jahre wiederum das Gemüth und die Feder aller derer in Bewegung zu setzen, deren Anhänglichkeit zum Glück meines Lebens gehört. So wollte ich denn lieber einem und dem Anderen gelegentlich mittheilen, wie sehr ich der Vorsehung zu danken habe, dass sie mir durch meine neue Verbindung eine neue Stütze und Freude für’s Leben gewährte. – Ihnen, meine verehrteste Freundin, wollte ich, da wir uns in Freiburg, wo ich den vorigen Winter zugebracht, verheiratheten, – auf der Heimreise meine Frau vorstellen; es fügte sich aber so, dass wir über Oberitalien reisend, nicht des Weges zu Ihnen kamen. Das hing mit dem äusseren Grunde zusammen, der mich damals unfähig machte, meinen Freunden von der glücklichen Wendung meines Schicksals besondere Kunde zu geben. Eine schwere Influenza mit heftiger Luftröhrenentzündung legte mir die äusserste Zurückhaltung inbezug auf jede, besonders gemüthbewegende Thätigkeit auf. Die Correspondenz mit meinen nächsten Freunden, die immer schon mit dieser verbunden war, musste es in diesem Falle besonders sein. Obwol im Ganzen recht erholt, und durch das stille Zusammenleben mit meiner Frau hier, tief beglückt, bin ich doch noch bis auf den heutigen Tag gezwungen, die Feder selten zu führen. Auch diese Zeilen empfangen Sie desshalb von der Hand meiner Frau, welche in allen Stücken meine Stütze ist. Ich würde Ihnen sonst mehr über sie schreiben. Statt dessen gebe ich der Hoffnung Raum, dass es mir vielleicht im nächsten Jahre vergönnt sein wird, sie Ihnen zuzuführen, und ich hege die feste Überzeugung, dass Sie, meine liebe, gütige Freundin, ihr sehr bald etwas von der Freundschaft zuwenden werden, die Sie meiner geliebten seligen Frau so treu bis an ihr Ende bewahrt haben. – In letzter Zeit haben wir hier gemeinsam manche Jahrgänge alter Briefe durchgenommen; so hat es denn auch an der gern ergriffenen Gelegenheit nicht gefehlt, mit all den herzlichen Beziehungen meine Frau bekannt zu machen, welche in guten und bösen Tagen unsere Freundschaft befestigt haben. Dass sie auch allezeit dauern, und unwandelbar bleiben wird, dessen dürfen Sie versichert sein von Ihrem
alten getreuen
Lazarus

Im Winter leben wir wieder in Berlin. Ihren lieben Kindern meinen herzlichen Gruß.

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: Schönefeld bei Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
357ff.
 



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