19.12.2019

Briefe



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ID: 18993 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 13.09.1890
 

Schönefeld b. Leipzig zum 13ten Septbr 90
Verehrte, theure Freundin!
Wie immer u doch besonders in diesen Tagen u zu Ihrem Lebensfeste gedenken wir Ihrer mit der Innigkeit alter treuer Freundschaft und den herzlichsten Wünschen für Ihr u aller lieben Ihrigen Wohlergehen. Wir sehnen uns danach, wieder einmal genauen Bericht von Ihnen, liebe Freundin! zu empfangen, und dass er recht vieles u nur Gutes zu melden habe, ist uns ein innigstes Anliegen. Wenn unser Herz mit geliebten und verehrten Menschen all ihr Erlebniß mit zu fühlen so bereit ist, dann wird der gänzliche Mangel an Nachrichten oft unerträglich; und doch muß man sich bei theuren Menschen, die wie Sie, verehrte Freundin! so vielseitig in Anspruch genommen sind, oft bescheiden und darf nur selten erbitten, was man, selbst überlastet, wie ich es bin, nur selten gewähren kann. Von uns kann ich nicht eben in heiterer Stimmung, aber doch voll heißen Dankes u froher Hoffnung berichten. Wir haben schon von Juni ab hier in unserem Sommerheim gelebt, um seiner großen Behaglichkeit froh zu werden u es mir besonders zu stiller u stetiger Arbeit gedeihen zu lassen. Das ist Alles leider nur zu geringem Theile erfüllt. Seit dem 21t Juli ist meine Frau an einem nicht bestimmt ausgesprochenen oder nicht deutlich erkannten inneren Leiden, welches stellenweise recht schmerzhaft gewesen, bettlägerig. Sie ist Gottlob seit etwa 14 Tagen so weit schmerz- und leidenfrei, dass wir uns der frohen Zuversicht hingeben, die Krankheit sey vorüber. Aber der Weg auch von geheilter Krankheit bis zur gekräftigten Gesundheit ist weit u geht langsam; wie langsam, sehen wir daraus, dass unsere geliebte Patientin das Bett zu verlassen noch wenig Neigung hat u der Arzt wenig Muth, es zu gebieten. Die Uebersiedlung ins Winterquartier, die ja nun bald nothwendig wird, um sie nicht durch Unbill des Herbstwetters noch mehr zu erschweren, steht vor uns als eine rechte Sorge. Ueber Alles aber siegt denn doch die freudige Hoffnung, dass die Gefahr, die uns manchmal ein recht erschreckendes Angesicht zeigte, Gott sey Dank gänzlich vorüber ist. – Ich selbst hatte im Frühjahr eine recht schwere, vielleicht von winterlicher Ueberarbeitung stammende, nervöse Abspannung zu überwinden; der heilsamen Luft u Ruhe Schönefelds danke ich eine unerwartet schnelle Befreiung davon und dauernde, arbeitsfrohe Gesundheit, deren voller Genuß nur durch das Mitleiden mit meiner lieben Frau verkümmert worden. Ernestinchen hat mit doppelter Kraft u Hingebung die Haushaltung u Krankenpflege auf ihre Schultern genommen u beides rüstig getragen. Für letztere hat sie von meiner Schwester Steinthal gedeihliche und dankenswerthe Hilfe erhalten, da diese mit Mann u Kind gleich beim Beginn der Ferien zu uns kamen u nach einer – durch die Rücksicht auf meine Frau abgekürzten – Reise nach der Schweiz wieder hieher zurückgekehrt sind u sich mit uns der fortschreitenden Genesung meiner lieben Frau erfreuen. Grüßen Sie, theure Freundin! alle Ihre lieben Kinder, besonders Frl. Marie u Frl. Eugenie, welche das Glück haben u gewähren, um Sie zu leben u seien Sie Selbst aufs Allerherzlichste begrüßt vor Allem von meiner Frau, aber auch von Allen die hier zu uns u deshalb von Herzen zu Ihnen gehören, und von Ihrem alten getreuen
Lazarus

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: Schönefeld bei Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
333ff.
 



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