19.12.2019

Briefe



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ID: 18994 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 13.09.1891
 

Schönefeld bei Leipzig zum 13ten Septbr 91
Meine theure Freundin!
Wenn die innige u herzliche Theilnahme für das wechselvolle Erlebniß eines ganzen Jahres nur ein einziges mal sich kundgibt, dann findet man kaum den rechten Ausdruck dafür, zumal wenn die Kenntniß der Vorgänge flüchtig u unbestimmt ist. Und dennoch möchten wir dies Zeichen treu ausdauernder Anhänglichkeit u unwandelbarer Gesinnung nicht entbehren; können wir, theure Freundin! seit lange schon Ihr Leben nur von fern mit unserem Herzen u unserer Phantasie begleiten, so wollen wir doch Ihr Lebensfest immer wieder mitfeiern u an demselben der innigen Freundschaft mit Ihnen uns freuen, welche wir als ein Geschenk der Vorsehung hegen. Wünsche für Ihr nächstes Lebensjahr, dem noch viele folgen mögen, spreche ich nicht aus; Sie wissen, dass uns für Sie, die Sie im Schicksalskampf so viel u schwer zu ringen hatten u so bewährt gerungen haben, das beste Loos grade gut genug ist, um an Ihrer wohlverdienten Befriedigung u Ihrer Freude an Kind u Kindeskindern auch uns zu erfreuen.
Wiederum muß ich wie im vorigen Jahre leider die Feder allein führen, da die meiner Frau durch körperliches Leiden gefesselt ist. Sie wissen, dass meine Frau eine sehr schwere Krankheit – eine ihr bis dahin völlig fremde Leberaffection – im vorigen Sommer bis zum Jahresende durch zu machen hatte; unter den erschwerendsten Umständen Anfangs October von hier nach Berlin gebracht, musste sie auch dort das Bett noch viele Monate hüten, und hat sich nur sehr langsam so weit erholt, um hier unser Sommerheim wieder aufsuchen zu können. Der leidig kalte u nasse u besonders wechselvolle Sommer hat ihr deshalb geringe Erholung u zuletzt noch vor einigen Wochen einen heftigen Bronchialkatarrh gebracht, unter welchem sie bei der immer schon vorhandenen asthmatischen Beschwerde sehr leidet und besonders von hustengequälten Nächten sehr geschwächt ist. Hoffentlich löst sich der Katarrh nun bald, so dass mit wiedergekehrter Nachtruhe auch die Kräftigung sich findet; dann soll es, wie sie mit den innigsten treuen Grüßen u Wünschen für Sie mir aufträgt, ihre erste Freude sein, Ihnen eigenhändig wieder ein Liebeswort zu schreiben. – Von mir selbst u überhaupt aus unserem Hause gibt es wenig zu berichten; unter der selten fehlenden Sorge namentlich um das Befinden meiner Frau lebe ich, wenn nicht Ehren- u Arbeitsgeschichten mich hinausfordern, fast ganz zurückgezogen und schleiche die letzten Jahre nur am stützenden Stabe täglicher Arbeit still dahin. – Ihre Gedanken werden in den letzten Wochen viel in unserer Nähe hier geweilt haben; denn das Hinscheiden Ihrer treuen Freundin aus früher Jugendzeit wird eine herbe Lücke reißen. Auch wir empfinden es seit Jahren schon schwer, dass die Reihen der verehrten u geliebten Menschen sich lichten; denn Menschen, welche zum Ernst neigen und auf ihre Reife bedacht sind, pflegen sich viel mehr älteren als jüngeren Leuten anzuschließen; und so müssen sie denn naturgemäß öfter u früher das Schicksal des Verlustes tragen. – Doch so ernsthafte Betrachtung ziemt sich kaum zu einem Geburtsfest. Möchten Sie dasselbe im Kreise Ihrer geliebten frohen Kinder denen wir herzliche Grüße senden, froh verleben! und bald recht Gutes über Ihrer Aller Wohlbefinden melden können
Ihrem
treu u verehrungsvoll
ergebenen Freund Lazarus

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: Schönefeld bei Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.18, S. 335ff.
 



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