05.01.2022

Briefe



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ID: 19079
Geschrieben am: Donnerstag 01.11.1888
 

Innigstverehrte Frau Doctorin!
Unmöglich konnte ich von dem schönen feierlichen Tage, den Sie erlebt haben hören, ohne Ihnen meine freudige Theilnahme an dieser Jubelfei¬er auszusprechen! Es ist wenigen Menschen beschieden, solche Tage in voller, man möchte sagen jugendlicher Frische genießen zu können; noch wenigere können aber dabei das Gefühl haben, wie Sie, sich in jedem Au¬genblicke des Lebens bewährt und Alles erfüllt zu |2| haben, was der heilige Beruf einer Priesterin der Kunst, und einer edlen Frau verlangt! Sie konnten es nur, weil Sie zugleich die edelste Auffassung Ihrer Lebens¬aufgabe, und das liebevollste Herz besitzen, und mit diesen herrlichen Eigenschaften muß Ihnen auch das Alter, bei allem Schmerz den Sie er¬lebten, ein reines Glück bringen, das Gott Sie recht lange genießen lassen möge! Wer aber, wie ich, so glücklich war, Ihnen einmal im Leben näher getreten zu sein, für den ist es eine hohe Freude, Ihnen bei dieser Feier noch einmal aus vollem Herzen sagen zu können: Hab Dank! Es thut auch mir wohl, diesen Dank heute in inniger Verehrung aus sprechen zu können! Meine Louise |3| schließt sich in herzlicher Verehrung meinem Glückwünsche an. Emilie Heydenreich wird Ihnen wohl selbst schreiben, wenn sie es jetzt schon vermag. Sie ist nähmlich fast den ganzen Sommer hindurch krank gewesen, an einem schmerzhaften Unterleibsleiden, wel¬ches sogar ihre Unterbringung in der Diakonissenanstalt auf 6 Wochen nöthig machte. Ihr Mann hat ihr treulich zur Seite gestanden, und ist nun glücklich, sie in der Genesung zu sehen. Beide haben mich schon einmal wieder besucht, Emilie muß sich aber noch sehr schonen. Sie lebt mit ih¬rem Manne, der emeritirt ist, in Dresden. Ihre drei Kinder sind auswärts glücklich verheirathet. Wir, meine Louise und ich, leben noch, wie sonst, in glücklicher Eintracht beisammen, und haben auch manche Freude an Musick – so, z. B, unsre schönen Sinfonie-Concerte, in denen wir auch diesen Winter des Herrn Doctors herrliche |4| D moll Sinfonie hören werden. Auch als Schriftstellerin hatte ich Freude: ein kleines Werk: „Die rathende Freundin, beim Eintritte ins Leben, für junge Mädchen[“], erleb¬te schon nach einem Jahre die zweite Auflage. Nun, meine geliebte Frau Doctorin, seien Sie im Geiste innig umarmt von
Ihrer,
Sie herzlich verehrenden
Marie von Lindeman
Dresden, d. 1/11 88.

  Absender: Lindeman, Marie von (2605)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
1261-1263

  Standort/Quelle:*) D-B, s: Mus. Nachl. K. Schumann 5,173
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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