25.02.2022

Briefe



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ID: 19401
Geschrieben am: Freitag 10.08.1866
 

Frankfurt den 10 August 1866.

Meine liebe theure Freundinn

In den ersten Tagen nach dem schmerzlichen schweren Verlust den wir erlitten, fühlte ich mich zu angegriffen um Ihnen meinen Dank aussprechen zu können, für Ihre so innige Theilnahme die mir so sehr wohl gethan hat in meinem Schmerze. Wie schwer ist diese Trennung wenn man 42 Jahre zusammen durchs Leben gegangen in Freud u. Leid wie schwer zu tragen die Vereinsamung im Alter. In dieser schweren Prüfung standen mir die Kinder trostreich zur Seite wofür ich dem Himmel nicht genug |2| danken kann – aber morgen wird uns Aloys schon verlassen[,] wie schmerzlich wird dieser Abschied da er dem kranken Bruder auch so viel ist. Aloys hat mir Ihre so gütige freundliche Einladung mit Josephine nach Baden zu kommen mitgetheilt, wo wäre ich lieber als bey Ihnen, aber es geht nicht wegen dem Kranken, da wir doch abwechselnd zu ihm nach Königstein gehen, u. Adolph vorerst noch bey uns bleibt. Mir ists auch besser in den gewohnten Räumen, u. ist mir in dem Zimmer des theuren Dahingeschiednen, wo alles geblieben wie er es verlassen hat, als wäre er selbst noch da schreibend an seinem Pulte, oder wie am meisten in der letzten Zeit in seinem Sessel, lesend. |3| Er war eigentlich schon mehrere Monate sehr leidend seit dem ersten Anfall von Athmungsbeschwerden, doch erholte er sich wieder, so daß ich jeden Tag mit ihm ausfuhr, was er sehr gerne that u. ihm stets gut bekam, doch konnte er nur mit Mühe u. Hülfe die Treppen herauf, den 4ten fuhr ich zum letztenmale mit ihm, andern Tages blieb er zu Bette u. kam nicht mehr zum aufstehen. Diese drey Wochen hat er viel gelitten, doch war der Tod ein sanfter, am Dienstag Abend schlief er ganz ruhig bis er Mittwoch gerade 4 Uhr Morgens noch einmal ganz leise aufathmete. Ich schreibe Ihnen das so genau meine theure Freundinn, weil ich weiß welchen Antheil Sie an dem Ende dieser edlen Künstlerseele nehmen, weil aus jedem Worte Ihres lieben Briefes die Freundschaft u. Theilnahme zu fühlen ist, die Sie für den Verewigten empfunden. Ja es ist wahr Sie haben auch einen treuen Freund an |4| dem Dahingeschiednen verloren, er liebte u. verehrte Sie von ganzem Herzen, u. wie oft wenn er von Ihnen sprach waren seine Worte „man kann nicht müde werden diese Frau zu verehren“9 dies galt bey Ihnen in allen Beziehungen sowohl der Künstlerin in der Gesinnungstreue, der Gattin, Mutter u. Freundinn, u. wie wohl thut es mir, daß auch Sie ihn zu den Wenigen zählen, die stets ihrer Gesinnung treu geblieben. – Von Allem Schweren was wir sonst noch in den letzten Wochen erlebten schweige ich bis es mir vergönnt ist Sie wieder zu sehen, was doch wohl der Fall seyn wird wenn Sie Baden verlassen.
Von allen Kindern soll ich Sie aufs herzlichste grüßen, Aloys hat Ihnen ja geschrieben bey der Uebersendung der Partitur, welche ich bitte als Andenken an den verewigten Freund von mir anzunehmen. Bewahren Sie uns auch ferner Ihre Liebe u. Freundschaft u. hofft Ihnen sehr bald selbst aussprechen zu können wie sehr Sie liebt u. verehrt Ihre Freundinn
Auguste Schmitt.
Bitte Ihren lieben Kindern von uns Allen die herzlichsten Grüße, Elise kommt wohl bald wieder zu uns.

  Absender: Schmitt, Auguste (1371)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 4
Briefwechsel Clara Schumanns mit Maria und Richard Fellinger, Anna Franz geb. Wittgenstein, Max Kalbeck und anderen Korrespondenten in Österreich / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Anselm Eber und Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-015-5
390ff

  Standort/Quelle:*) D-B, s: Mus. Nachl. K. Schumann 2,182
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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