Colmar. d 11. Sept. 1868
Liebe Frau Schumann,
Das Briefchen, so kurz es ist bringt viele, viele Glückwünsche zu Ihrem Geburtstag & soll nicht entschuldigen nicht selbst uebermorgen zu erscheinen. Wir haben hier ernste Pflichten zu erfüllen & dürfen die liebe Mutter nicht verlassen. Alle meine Brüder sind hier, Alle sind herbeigeeilt um den Vater noch zu sehen der gestern 4 1/2 Uhr N. Mittags endlich in Ruhe eingeschlafen ist. Seit Ostern litt er moralisch mehr als physisch, denn sein Leiden war im Rückenmark. Er konnte den Gedanken nicht ertragen ruhig liegen und sitzen zu bleiben & seine Ungeduld machte ihn oft ungerecht gegen seine Pflegerin, die ihn nie eine Stunde verlassen wollte. Der Tod hat allen Leiden ein Ende gemacht und |2| wir danken dem Himmel daß er ihn zu sich gerufen hat. Schmerzen hatte er nur kurze Zeit, als der Athem kurz wurde; in den letzten zwei Tagen war er ruhig. Letzten Sonntag traf mich die trübe Nachricht eines ernsten Rückfalls in Bönigen, Montag N. Mittag war ich hier. Vater erkannte mich noch, fragte nach den Kindern, nach & sagte er sey auch einst in B. gewesen was auch richtig war. Seit Dienstag aber hat er Keinen mehr erkannt. Emil, Heinrich kamen zu spät; er hat sie nicht gesehen. letzter war untröstlich. Montag kamen Clara & die Kleinen. Wir werden Alle so lange wie möglich bei der Mutter bleiben. Vor 14 Tagen schenkte Adele d. Eltern ein Enkelchen Cécile genannt.
"Des Lebens Doppelspiegel stand vor uns licht und wahr." - So ist das Leben & darum schließen wir unter einander die Bande um so enger & bitten unsere Freunde fester & fester zu halten. Es thut Noth.
Mit herzlichem Gruß zum fröhlichen Fest, allen<g> Glück wünschen,
schließt
Ihr J. Sth.
In Eile.
Franz, Emil, Alle grüßen Sie u die Ihrigen herzlich.
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