19.12.2019

Briefe



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ID: 19653 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 28.11.1875
 

Leipzig, den 28 Nov. 75.

Meine liebe, hochverehrte Freundin,

Ich wünsche vor allen Dingen, daß Sie Ihre Kunstreise glücklich und von guten Erfolg begleitet, vollendet haben und jetzt mit Ihren lieben Kindern am traulichen Kamin sitzen mögen und will nicht unterlassen Ihnen zu erzählen, daß mich meine Kinder vorgestern an meinem 70sten Geburtstage durch eine ganz heimlich vorbereitete Aufführung von „Der Rose Pilgerfahrt“ überraschten. Mein Jettchen sang die Rose mit ihrer glockenreinen Stimme in herzgewinnender Weise; der Alt war in den Händen von Fräulein Ahlfeld ganz prächtig vertreten und an dem Tenoristen Herrn Pielke, der mit ganz besondrer Innigkeit und schöner Stimme seine Parthie sang, so wie an dem prachtvollen Baß des Herrn Ruffeny würden Sie Ihre wahre Freude gehabt haben. Der kleine Chor bestand aus lauter ausgesuchten Stimmen und machte einen wahrhaft begeisternden Eindruck, da jeder einzelne der Mitwirkenden bestrebt war, das herrliche Werk so vollendet wie möglich zu Gehör zu bringen. Für mich, der ich seit so vielen Jahren keinen Chorgesang gehört, war es ein ganz unbeschreiblicher Genuß – wie gern hätte ich dafür Ihren Robert im Geiste die Hand gedrückt!
Ich empfing an meinem Geburtstage so viele Beweise von Liebe und Anhänglichkeit aus der Nähe und Ferne, daß ich wahrhaft beschämt bin und doch fühle daß es für einen alten Mann nichts Schöneres auf der Welt giebt, als eben diese Beweise Die vielen Besuche und die Musikaufführung am späten Nachmittag waren aber doch fast zu viel für meine Kräfte und ich bin seit der Zeit recht mürbe geworden und denke mehr als je daran, daß es doch nun rasch zum Ende geht. Da will ich Ihnen denn noch einmal im Geiste die Hand drücken und Ihnen so recht vom Grunde meines Herzens danken für die vielen schönen Stunden, die mir Ihre edle Kunst bereitet.
Es war ja eine ganz besondre Gnade des Himmels, daß Er mich in so nahe Beziehungen zu Robert und Clara Schuman [sic] kommen ließ.
Leben Sie wohl meine liebe, theure Freundin und erhalten Sie auch ferner Ihre freundliche Gesinnung
Ihrem alten Freunde
Voigt

  Absender: Voigt, Karl (1633)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
185f.
 



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