23.11.2019

Briefe



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ID: 19788 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 16.10.1864
 

Verehrte Frau.
Ich habe in den letzten Tagen einige Unterredungen mit Ludwig gehabt; auch mit Will habe ich Mancherlei über ihn gesprochen. Ludwig wehrt sich mit aller Beredtsamkeit und Entschiedenheit, die er bei seiner sonstigen Ruhe auftreiben kann, gegen einen Wiedereintritt in das Lyceum. Er scheint ganz erfüllt von seinem künftigen Berufe und strahlte vor Vergnügen, als er mir erzählte, sein Lehrer habe ihn gelobt. Je mehr ich mit ihm verkehre, desto sicherer werde ich, daß Sie seiner Zukunft wegen außer Sorgen sein dürfen; er ist allerdings ein Junge, der sich nicht nach der gewöhnlichen Schul-Schablone behandeln läßt; er erscheint mir wie eine Sensitive, die sich in sich selbst zurückzieht, wenn man sie rauh anfaßt; wenn seine Fortschritte bisher nicht im Verhältnisse zu seiner Leistungsfähigkeit waren, so mag die Schuld daran mehr in dem Verhältnisse unsrer Schulen, die das Eingehen der Lehrer auf eine einzelne abnorme Individualität nicht gestatten, liegen, als in ihm selbst. Ich brachte u. A. die Sprache auf Geometrie, nahm Alles zusammen, was mir davon im Gedächtnisse ist und bat ihn, mir Einiges zu erklären; er antwortete mir so rasch und bestimmt, daß ich mich erstaunte. Mir scheint, daß auch das Bewußtsein, daß Sie seinetwegen in Sorge sind, seinen Ehrgeiz stachelt, seine Arbeitslust vermehrt. Er ist jetzt in einem Alter in dem durch irgend ein äußeres Ereignis oder durch eine Idee, die ihn beschäftigt, ein plötzlicher Wendepunkt in seinem ganzen Wesen eintreten kann. Vielleicht ist seine gegenwärtige Neigung zu einem praktischen Berufe mehr als etwas Zufälliges, Eingeredetes. So meine ich denn, Sie sollten (wenn ich mir überhaupt einen Rath in dieser Angelegenheit erlauben darf) bei Ihrer Hierherkunft mehr beobachten, als direkt einwirken, mit dem Direktor der Bürgerschule sprechen etc. Sie dürfen sich mit ruhigem Herzen seiner erfreuen, statt in Sorge um ihn zu leben; im schlimmsten Falle braucht er zu seiner Entwicklung etwas mehr Zeit, als Andere; daß er sich entwickeln wird, scheint mir außer Zweifel. Ich kenne den Director der Schule, werde also im Laufe dieses Winters Gelegenheit haben, Ihnen von Zeit zu Zeit Nachricht zu geben, wie es mit ihm steht. Entschuldigen Sie mein altkluges Gerede; es drängte mich, Ihnen den Eindruck wiederzugeben, den Ludwig’s Besuch heute früh mir machte.
Von Heidelberg und Mannheim habe ich die günstigsten Berichte. Auch hier habe ich bereits Fühlhörner ausgestreckt. Grüßen Sie Johannes auf’s herzlichste, wenn Sie ihm schreiben; seit er weg ist, fühle ich mich wie ein geschorener Pudel, so nackt und elend. Heute Abend habe ich Catharina Cornaro zu dirigiren. Da ist mir Trovatore doch noch lieber. –
Auf baldiges, fröhliches Wiedersehen. Liebe Grüße an Frl. Marie und Julie.
Ihr treu-ergebener
Hermann Levi.

Carlsruhe 16. Oct. 64.

Haben Sie vielleicht noch eine Photographie Ihres Häuschens?

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: Karlsruhe
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 444f.
 



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