23.11.2019

Briefe



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ID: 19860 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 07.03.1875
 

Liebe Freundin.
In vier Wörtchen lässt sich doch viel Erfreuliches sagen; „Es geht mir besser“ auf Ihrer Karte hat mich gefreut, wie lange Nichts, und meine herzlichsten Wünsche gehn dahin, daß sich das „besser“ bald in „gut“ verwandle.
Die Antwort auf Ihre Anfrage, Manfred betreffend habe ich nicht aus Nachlässigkeit so lange verschleppt. Ich habe mit allen möglichen Leute, besonders Juristen reden müssen und die wiedersprechendsten Ansichten gehört. Ueberhaupt ist in Bayern gegenwärtig große Confusion; theilweise sind die Reichsgesetze maßgebend, theilweise die Landesgesetze.
Nach den ersteren wären die meisten der Ihnen aufgegebenen Formalitäten unnöthig, aber die K. Verordnung in Bezug auf Tantièmen (nach welchen die Theater-Kasse richten muß) bezieht sich nur auf Bayrische Gesetze, und nach diesen wird nach dem Tode des Dichters oder Componisten die eine Hälfte der Wittwe, die andere den Kindern verabfolgt. Sie müssen also von Ihren Kindern eine Vollmacht unterzeichnen lassen, worauf Sie auch zur Erhebung der zweiten Hälfte berechtigt sind. Nach Italien brauchen Sie daselbst nicht zu schreiben, denn weder Schwiegersohn noch Enkel haben Anspruch, wohl aber müsste Ludwig’s Vormund unterschreiben. Da indessen kaum zu vermuthen ist, daß Ihre Kinder später einmal gegen eine von Ihnen getroffene Maßregel klagbar werden (für welchen Fall allein solche Formalitäten existiren) so hat es Nichts zu sagen, wenn nicht alle Kinder unterschreiben. Wenn es Ihnen irgend Mühe macht, kann auch die Vollmacht von Ludwig’s Vormund fehlen. – Eine beglaubigte Abschrift des Todtenscheines ist aber durchaus nöthig (weil 30 Jahre nach dem Tode des Componisten die Tantiemen aufhören). Daß man Ihnen 7% bezahlt hat, ist allerdings ein Irrthum, aber was einmal an die Kasse angewiesen ist, kann nicht mehr zurückgenommen werden. Sie sind in Ihrem Leben in Bezug auf Geldsachen so oft zu kurz gekommen, daß Sie sich in Gottes Namen gefallen lassen müssen, auch einmal zu lang zu kommen. –
Daß Herbeck Unrecht hat, ist ganz klar. Nur weiß ich nicht, ob in Oesterreich ein Tantièmen-Gesetz existirt d. h. ob man klagen kann. Schäbig ist es jedenfalls. Daß Sie nun doch der Genossenschaft beigetreten sind, freut mich sehr. Es wird Ihnen viel Zeit und Aerger ersparen. –
Das „künstlerische Plus“, von dem ich in meinem letzten Briefe sprach, bezieht sich auf die wundervollen Kräfte und die geordneten Theater-Verhältnisse. Wer das einmal geschmeckt hat, könnte sich schwer irgendwo anders wohl fühlen. Jedenfalls giebt es kein besser geführtes Theater in Deutschland, sowohl was Repertoire als was Ensemble betrifft und keinen Kapellmeister, der annähernd so viel Machtbefugniß hätte. Darob freue ich mich alle Tage, und das bringt mich über Manches, was mir sonst fehlt, was aber einmal nicht zu ändern ist, hinweg. –
In dem vorletzten Conzert ging Schumann’s B-dur Sinfonie sehr hübsch. Ich habe mich nicht enthalten können, den Anfang nach dem Manuscripte zu ändern (b | b b b b | g a b.) Auch im 16ten Takte (letztes Viertel) ist eine Manuscriptnote (Clar und Fag es statt d) logischer und feiner als in der gedruckten Partitur:
Palmsonntag Neunte Sinfonie und Schicksalslied.
Gegen Frau von Pacher bin ich sehr höflich gewesen, habe sogar einmal mit ihr musizirt. Nächsten Dienstag bin ich bei Hedi Oldenbourg eingeladen. Am meisten verkehre ich mit Heyse (den ich sehr lieb habe) und – Bernays, der mit allen seinen kleinen Schwächen ein capitaler Mensch ist. – Allgeyer lebt stillvergnügt weiter. –
Dem liebeswürdigen Sekretair sende ich herzlichen Gruß. Frl. Eugenie und Frl. Meyer führen wohl jetzt eine Junggesellenhaushaltung zusammen? daß Sie Frl. Meyer, wenn sie wieder zurückreist, und Sie sie noch sehen, nur recht mit Aufträgen vollpfropfen! Sie vergißt sicher kein Jotachen, erzählt überhaupt sehr nett und anschaulich, so daß ich fast über Ihren ganzen Kreis sehr gut Bescheid weiß. Viele Grüße an Dr. Ladenburg. Sagen Sie ihm, er möge während der Osterferien doch seine Töpfe XXX und Säuren stehen lassen, und sich hier an guter Musik erlaben; mein Fremdenbett (mit Sprungfedern!) und meine Arme seien ihm geöffnet. Ich habe nämlich den kleinen Menschen sehr gern, obgleich wir in unsrer Jugend oft hart an einander gerathen sind.
Und nun noch für Sie den allerschönsten und herzlichsten Gruß. Gehe es Ihnen gut! Senden Sie mir zuweilen eine Postkarte mit einem Bulletin!!
In alter treuer Freundschaft
Ihr
Hermann Levi.

München 7.3.75.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 693ff.
 



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